unsere zeit - Zeitung der DKP7. März 2008

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Wie das Leben von Kindern zerstört wird
Fragen an die Kinderärztin Dr. Erika Abczynski

UZ: Kindstötungen in den "neuen Bundesländern" machen Schlagzeilen. Ist es statistisch nachweisbar, dass dort mehr Kinder von den Müttern, von den Eltern ums Leben gebracht werden als auf dem Territorium der alten Bundesrepublik?

Dr. Erika AbczynskiErika Abczynski: Das Kriminologische Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) untersuchte die 900 bis 1 000 Kindstötungen in Deutschland im Zeitraum von 1997 bis 2006. Die Studie ergab, dass im Jahr 2006 die Zahl der Kindstötungen im Westen auf einen Tiefstwert von 1,3 Fälle von 100 000 Kindern gesunken, im Osten auf einen Höchstwert von 5,8 von 100 000 Kindern im Alter bis zu sechs Jahren gestiegen war. Die UNICEF schätzt, dass jährlich in den 27 reichsten Nationen der Welt 3 500 Kinder gewaltsam getötet werden, wobei in den USA 10- bis 15 Mal so viele Kinder durch elterliche Gewalt sterben als zum Beispiel in Dänemark, das zu den Ländern mit der niedrigsten Rate gehört.

UZ: Liegt die Ursache von Kindstötungen in der Abtreibungspolitik der DDR, wie der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, behauptet hat?

Erika Abczynski: Als Hauptursachen für Kindstötungen nennt der Chef des KFN, Prof. Dr. Christian Pfeiffer, soziale Isolierung und Notlagen der Mütter und Elternpaare. Die Auswertung von etwa 150 Fällen ergab drei Hauptgruppen: Etwa 25 bis 33 Prozent der Mütter verheimlichen Schwangerschaft und Geburt und töten das Kind sofort bei oder nach der Geburt. Dies seien "sehr isolierte Frauen". In 50 bis 60 Prozent spielten "katastrophale Lebensbedingungen eine wesentliche Rolle", wobei die Eltern versuchen, ihr Kind großzuziehen, damit aber überfordert sind und es zu Tode schütteln oder nicht mehr versorgen. 15 bis 20 Prozent sind psychisch kranke Frauen. Der Berliner Politikwissenschaftler Klaus Schroeder meint, die in Ostdeutschland höhere Zahl allein stehender Mütter und die "breitere Unterschicht im Osten" könnten Ursachen sein für die im Osten gestiegene Zahl von Kindstötungen. Georg Ehrmann, Vorsitzender der deutschen Kinderhilfe, spricht von einer Massierung von gesellschaftlich Abgekoppelten im Osten. Historisch gab es immer schon den Zusammenhang zwischen Hunger und Armut und Kindstötungen.

UZ: Was sind denn die zu beobachtenden Auswirkungen von Armut?

Erika Abczynski: Armut führt zu Fehlernährung, Unterernährung und Krankheiten. Das Forschungsinstitut für Kinderernährung(FKE) hat folgende Sätze als Tagesbedarf für Nahrung ermittelt: für 7 bis 9 Jahre 4,50 Euro pro Tag, für 10 bis 14 Jahre 5,50 Euro und für 15 bis 18 Jahre 6,50 Euro. 1987 standen einem von Sozialhilfe abhängigen Zwölfjährigen noch 2,90 Euro täglich für Essen zur Verfügung, einem Zehnjährigen 2,51 Euro, weil sich die Regelsätze am Kalorienbedarf orientierten. Heute verbleiben für alle Kinder bis 14 Jahre 2,28 Euro pro Tag für Essen.

Wieso diese Senkung? Sie kam auf eine sehr perfide Art zustande. In der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2003 stellte sich heraus, dass die unteren Einkommensgruppen weniger Geld für Essen ausgeben als in der EVS 1998. Sie brauchen mehr Geld für Strom, Wasser, Heizung, Schulbedarf, Kleidung als in den Regelsätzen vorgesehen ist. Wo soll das Geld herkommen? Zahlt man die Rechnungen nicht, ist sofort Schluss mit Strom, Wasser, Wärme. Wo also weniger ausgeben? Beim Essen! Und diese Zwangslage wurde ausgenutzt, um auch die Regelsätze für Essen zu kürzen, den tatsächlichen Ausgaben anzupassen. Und 2005 kam Hartz IV, Millionen mehr Menschen mit einem Einkommen gleich der Sozialhilfe kamen dazu. Die Zahl der armen Kinder und Jugendlichen in Deutschland stieg auf 2,6 Millionen. Berlin ist in Deutschland die Stadt mit den meisten armen Unter-18-Jährigen, Berlin, die Hauptstadt mit den protzigsten Prestigebauten!

23 Prozent der armen Kinder sind in schlechtem allgemeinem Gesundheitszustand, bei den Nicht-Armen ist es lediglich ein Prozent. Arme Kinder werden seltener geimpft als Nicht-Arme.

Armut führt zu sozialer Ausgrenzung. Unter armen Kindern sind 33 Prozent einsam, bei den Nicht-Armen nur 9 Prozent. Nur 48 Prozent der armen Kinder fühlen sich einer Clique zugehörig, bei den Nicht-Armen sind dies 61 Prozent. 4 Prozent der armen Kinder haben gar keine Freunde, dagegen nur ein Prozent der Nicht-Armen. Freunde beim Sport haben 33,3 Prozent der armen Kinder, aber 57,5 Prozent der Nicht-Armen. Auch das Familienleben leidet in armen Familien. Es gibt um etwa ein Drittel seltener: gemeinsame Mahlzeiten, ein Hobby, gemeinsame Ausflüge oder gar einen gemeinsamen Urlaub.

Armut führt zu mangelnder Bildung. Schon im Kindergarten fallen mehr Arme in Verhaltensbereichen auf, die für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn wichtig sind: Im Spielverhalten, Arbeits- und Sozialverhalten sowie bei der Sprache sind gut doppelt so viele arme Kinder gestört wie Nicht-Arme. So schaffen in Erfurt nur 26,9 Prozent der armen Kinder den Übergang ins Gymnasium, aber 77,4 Prozent der Nicht-Armen. In Köln sind die entsprechenden Zahlen 19,3 Prozent und 48,1 Prozent. Der Anteil der Studierenden aus armen Familien fiel bereits von 1982 bis 2000 von 23 auf 13 Prozent.

Arme Kinder bleiben arme Erwachsene. Jedes Jugendamt und jedes Sozialamt kennt die Karrieren armer Familien. Über Generationen werden sie bei den Ämtern vorstellig.

UZ: Spiegeln sich diese Zahlen in deiner ärztlichen Praxis wider?

Erika Abczynski: Alle genannten Probleme begegnen mir in meiner täglichen Arbeit, obwohl viele Arme nicht zum Kinderarzt gehen, sondern zum Hausarzt um die Ecke. Aber bei denen, die kommen, gibt es die misshandelten oder von Misshandlung bedrohten, die Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten, die unter- oder fehlernährten und die Kinder mit der schlechten Schullaufbahn.

Es gibt aber natürlich auch die armen Eltern, die energisch um das Wohlbefinden ihrer Kinder kämpfen und es bewundernswerterweise schaffen.

Die Fragen stellte
Manfred Idler

Foto: privat


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