unsere zeit - Zeitung der DKP30. Mai 2008

Internationale Politik

"Es gibt ein Pogrom-Klima"
Eine Welle rassistischer Ausschreitungen erschüttert Italien

Mario Marazziti ist Sprecher der linkskatholischen Glaubensgemeinschaft Sant´Egidio, die seit Jahrzehnten in Italien Sozialarbeit unter Roma und Immigranten macht.

UZ: Marazziti, was meinen Sie zu dem rassistischen Wind, der dieser Tage in Italien weht?

Mario Marazziti: Dieser Wind ist schrecklich. Wir müssen daran arbeiten, dass sich das politische Klima abkühlt. Deshalb dürfen wir nicht so tun als ob das Sicherheitsproblem und das Migrationsproblem ein und dasselbe wären und so als ob wir uns obendrein in einem endlosen Wahlkampf befänden. Es ist eine Sache über Probleme zu reden, um Wählerstimmen zu gewinnen. Etwas anderes ist es, sie zu lösen und zu reagieren.

UZ: Ist die Stimmungsmache, die die Immigranten als Ursache für die Unsicherheit präsentiert, der wichtigste Grund für die jetzige Situation?

Mario Marazziti: Ich will mich ganz klar ausdrücken. Es gibt ein Pogrom-Klima. Das ist ein sehr gefährlicher Weg für Italien. Es ist kontraproduktiv, was die Sicherheit und die Ziele anbelangt, die sich das Land setzt. Erstens hat Italien - verglichen mit den anderen europäischen Ländern kein wirkliches Sicherheitsproblem. Italien und Rom im Besonderen sind sicherer als der Großteil des übrigen Europa und der Welt. In Italien gibt es zwei Drittel weniger Wohnungseinbrüche als in Großbritannien, 40 Prozent weniger Morde als im restlichen Europa und ihre Zahl nimmt weiter ab. In der Lombardei sind die Einbrüche in den letzten Jahren um 30 Prozent bis 40 Prozent, im Veneto sogar um 60 Prozent zurückgegangen. Trotzdem erleben wir das Paradox eines zunehmenden Unsicherheitsgefühls. Dafür gibt es verschiedene Ursachen: Zum einen ein kulturelles Verhalten, das dazu führt Einzelfälle aufzubauschen und eine objektive Verschärfung der sozialen Zerbrechlichkeit, die tendenziell den Minderheiten zur Last gelegt wird. Das Problem muss jedoch ausgehend von den realen Zahlen behandelt werden. Zum Beispiel: Es gab ein großes Tohuwabohu um die 85 Zigeunerlager der Hauptstadt. Bei dem Treffen mit dem Präfekten hat man dann plötzlich entdeckt, das es - wie wir seit Jahren immer wieder sagen - in Wirklichkeit nur 21 sind!

UZ: Mittlerweile wird die Einwanderung aber generell als Problem dargestellt ...

Mario Marazziti: Die Einwanderung bildet in Italien einen entscheidenden Faktor, um eine negative Wachstumsrate in der Wirtschaft und das Schrumpfen der Bevölkerung zu verhindern. Als die individuellen Arbeitsangebote für Immigranten vom 1. bis 3.Dezember wieder entgegen genommen wurden, übertraf die Zahl der entsprechenden Anträge innerhalb von nur drei Tagen den Wert von 700 000. Ohne Einwanderung hat Italien keine Zukunft. Die Lösung besteht darin, an der sozialen Integration zu arbeiten, auch mit Blick auf die Sicherheit. Wehe wenn der Sicherheits-Diskurs "ethnisiert" wird! Dann wird er zu einem Bumerang. Wir müssen das Verbrechen bekämpfen, uns dabei aber darüber im Klaren sein, dass die Verantwortung dafür immer eine individuelle ist. Man darf die öffentliche Meinung nicht dazu ermutigen, ganze Bevölkerungsgruppen als gefährlich zu betrachten. Sonst kommen wir zu so etwas wie den Pogromen in Neapel oder dem Anschlag in Lecco am 14.Mai, die selbst nichts anderes als kriminelle Akte sind. In Neapel besteht der Verdacht, dass die kriminellen Organisationen sich als Garanten der Ordnung und als Interpreten eines Volksempfindens aufspielen wollen.

UZ: Aber wer soll das Klima abkühlen?

Mario Marazziti: Alle diejenigen, die sich in den Medien lautstark zu Wort gemeldet haben. Unsere politische Klasse, die Regierung, die Medien.

UZ: Die Regierung facht das Feuer allerdings weiter an.

Mario Marazziti: Die Regierenden waren in der Tat die Ersten, die sich über die Medien verbreitet haben. Wenn die in keiner Weise begründete Debatte über Italien als Land der Unsicherheit weitergeht, sehe ich weiteres Unheil voraus: von einer Krise des Tourismus bis hin zu einem Einbruch des positiven Italien-Bildes in aller Welt.

UZ: Die Welle des Rassismus hat sich in den letzten Wochen nicht ganz zufällig intensiviert.

Mario Marazziti: Diese Welle rührt von jahrelangen Fehlern her. Heute findet allerdings eine Beschleunigung statt. Deshalb ist es besonders dringend, dass starke Signale gegeben werden, damit die öffentliche Meinung weiß, dass keinerlei Kriminalität toleriert wird und sich niemand erlauben kann, einen Immigranten anzugreifen oder einen Anschlag auf ein Zigeunerlager zu verüben.

UZ: Wie beurteilen Sie die Ernennung von Sonderkommissaren für die Sinti und Roma?

Mario Marazziti: Die Idee eines ad-hoc-Kommissariats wäre an sich nicht falsch, wenn es darum ginge sicherzustellen, dass man sich dem Problem auf intelligente Weise nähert. Aber die Agitation mit Sonderbefugnissen ruft bei mir immer den Eindruck hervor, dass hier die demokratischen Zuständigkeiten und Machtbefugnisse aufgegeben werden.

Die Fragen stellte
Rosso Vincenzo


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