unsere zeit - Zeitung der DKP6. Juni 2008

Innenpolitik

Die Uni war´s und nicht das Politbüro
Einige Klarstellungen zur Sprengung der Leipziger Paulinerkirche am 30. Mai 1968 - Von Maxi Wartelsteiner

Horror. Sogar die sozialistische Tageszeitung Neues Deutschland stimmt in das allgemeine Geheul ein und behauptet angesichts der Sprengung der Leipziger Pauliner Kirche am 30. Mai vor 40 Jahren: "Sie war unbeschädigt, aber stand dem Idealbild der sozialistischen Stadt im Weg". Und die Zeitung zitiert Walter Ulbricht, der 1960 während der Einweihung der neuen Oper mit Blick auf die Kirche erklärt haben soll: "Das Ding muss weg". Und weiter im ND: "Auch die LINKE kritisiert die damalige Entscheidung: Die Kirche sei in ´völlig unnötiger und barbarischer Art und Weise´ zerstört worden, sagt Stadtchef Volker Külow. In einem Beschluss, in dem von der ´moralischen Verantwortung für schmerzliche Fehler in der Vergangenheit´ die Rede ist, verpflichtete sich die Partei kürzlich 5000 Euro für die Restaurierung eines Epitaphs zu spenden, der im neuen ´Paulinum´ zu sehen sein wird."

Was dieses "Paulinum" betrifft, das ist eine von dem Holländer Erick van Eggerats entworfene Aula an Stelle der soeben abgerissenen Uni-Gebäude aus DDR-Zeiten. Sie soll das Herzstück des künftigen Campus und zum 600. Jahrestag der Leipziger Universität 2009 fertig sein. Sie ist in ihrer unpassenden Kathedralenform ein Kompromissangebot an den "Paulinerverein", der - entgegen der Universitätsleitung - unbedingt den Wiederaufbau der Kirche wollte. Immer noch schwelt der Streit um die Mischnutzung als Aula und Kirche und über eine Glaswand, die beide Bereiche trennen soll. Aber das ist ein weiteres Thema. Bleiben wir bei der Sprengung von 1968 und ihrer Vorgeschichte. Darüber schrieb ich schon vor zehn Jahren einen - hier leicht gekürzten - Bericht, für den ich mich auch auf die Recherchen von Katrin Löffler und ihren damals soeben erschienen Aufsatz "Der Entscheidungsprozeß für die Sprengung der historischen Universitätsgebäude in Leipzig" (in: hochschule ost, Leipzig, 1/1998) gestützt hatte.

Als wären die nachfolgenden Fakten nicht bekannt, wird der übrigens sehr fragwürdige historische Wert der bis ins 19. Jahrhundert immer wieder umgebauten und veränderten Paulinerkirche beschworen, werden Tatsachen verdreht und Unterstellungen weiter kolportiert. Wem nützt es?

August der Starke, dem das Bauen bekanntlich Lust und Leidenschaft war, ließ in "seinem" Dresden an Bauwerken aus zurückliegenden Zeiten rigoros wegräumen, was nur irgendwie im Wege stand - und das war meist Renaissancebaukultur vom Alleredelsten. Der erhaltene Lange Gang mit seinen toskanischen Säulen lässt uns erahnen, was da zerstört wurde, um neuer Kultur Platz zu machen. Was nichts anderes heißt als: Bauen ist Machtdemonstration, und es ist Politik. Zu allen Zeiten. Überall. Wir kennen das von den Pharaonen ebenso wie heute von den deutschen Banken. Warum sollte es unter der führenden Rolle der SED anders gewesen ein? Die beispielsweise hat ihren Bürgern einen nicht ganz ungeliebten Palast der Republik in Berlins Zentrum gebaut, ein architektonischer Zeitzeuge. Denkmalswürdig allemal. Aber der muss jetzt weg!

Was nun Walter Ulbricht betrifft, so formulierte er konsequent sozialistisch bereits 1951 vor den Gründungsmitgliedern der Deutschen Bauakademie, dass statt der Tempel, Schlösser, Kirchen, Villen für die Bourgeoisie oder der Verwaltungsgebäude für Konzerne und Banken endlich Bauten für das ganze Volk errichtet werden sollen. Ausdrücklich ergänzte er: "In hoher Achtung vor den großen Leistungen der deutschen Architektur der Vergangenheit werden wir die noch vorhandenen Bauwerke von Kunstwert unter Denkmalsschutz stellen". Er fügte hinzu, es dürfe nicht zugelassen werden, "die schöne Gestaltung historischer Plätze oder Gebäude durch Bauten von formalistischer Stillosigkeit zu zerstören".

Bei allem Geldmangel und vorrangiger Zielstellung, den Menschen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen - was in der DDR an zerstörter Architektur wieder aufgebaut wurde, hat Weltruhm. Augusts im angloamerikanischen Bombenhagel total zerstörter Zwinger gehört dazu. Andererseits wurde in Bilderstürmermanier manches Schloss und manche Burg geschleift oder dem Verfall überlassen, weil es "verhasste Zwingburgen des Feudalismus" waren. Wie auch immer: Es lässt sich nicht das eine gerettete Kunstwerk aufrechnen mit einem anderen zerstörten. Womit wir beim Thema sind, dem 30. Jahrestag der Sprengung der Paulinerkirche.

"Da hat das Ulbricht-Politbüro einfach mal eben so beschlossen, die Pauliner-Kirche wird gesprengt", verkündete im Brustton tiefster Überzeugung eine junge Stimme dieser Tage im Sender Leipzig. Wer ein Mikrofon vor sich hat, der ist wer. Dennoch darf die Wahrheit, auch wenn sie kompliziert und kaum zwischen zwei Musiktitel zu zwängen ist, nicht auf der Strecke bleiben. Aber warum soll man mit einem jungen Mann hadern, wo Ältere, die es besser wissen müssten, noch viel sorgloser mit der Wahrheit umgehen? Beispiel: "Und die Sprengung des Kirchenbaus war ja nicht nur die Zerstörung eines wertvollen Gebäudes. Sie war gleichsam Symbol für eine Bildungs,reform´, bei der viel mehr gesprengt wurde als das vorhandene Ausbildungsniveau. Die Zerstörung der Universitätskirche steht gleichsam für die systematische Vernichtung christlich-humanistischer Bildungsinhalte. Diese fehlen heute vielen von uns in ihrem Lebensalltag mehr als das architektonische Glanzstück Paulinerkirche." Wer so etwas schreibt, ist leider wirklich kein Aushängeschild für eine nachhaltige Bildung in der DDR.

Aber andererseits, warum sollten sich Schlagzeilenhascher und Wahlkämpfer eine unverzeihliche Untat, die die Sprengung der - zumindest in ihren Grundmauern alten - Kirche war, entgehen lassen? Wo etwas nach fetter politisch-ideologischer Beute riecht, da wird zugeschlagen. Beachtenswert ist allerdings: Der Autor obiger Leitartikelzeilen in der Leipziger Volkszeitung, Philipp von Wilcke, verkneift sich die so gern strapazierte Behauptung, die Kirchensprengung sei Politbürobeschluss gewesen. Er scheint zu wissen: Das war nicht der Fall. Aber dies zuzugeben, passt dem Zeitgeist nicht ins Kalkül.

Wessen Süppchen aber kocht Uni-Rektor Volker Bigl, der von der Kirchen-Sprengung glaubt sagen zu müssen, sie sei ein "barbarischer Willkürakt und eine dumpfe Machtdemonstration der Partei" gewesen? Die tatsächliche Rollenverteilung von SED und Universitätsleitung war jedenfalls ganz anders: Am 30. Juni 1959 beschloss das Politbüro den Aufbau des Zentrums der Messestadt. In den konkreten Plänen, nach denen das kriegszerstörte Bildermuseum wiederaufgebaut und das Augusteum erhalten werden sollte, hatte auch die Universitätskirche einen festen Platz auf einem rückwärtigen Standort. Von Moskau her kannte man die Methode, noch viel größere und schwerere historisch wertvolle Bauwerke zu verrücken. Spätere Bebauungen an der Ostseite (Hauptpost und Hotel Deutschland) entsprachen diesem Politbürobeschluss, doch mit dem Abriss der Reste des zerstörten Bildermuseums waren die Chancen tatsächlich kleiner geworden, das historische Platzensemble zu retten.

Der alsbald in Leipzig - und nicht in Berlin - einsetzende Streit, "ob es sich lohne, Ruinen auszubauen" (Stadtarchitekt Lucas) oder ob man stattdessen nicht Neuem, Schönerem Platz machen sollte, hatte mit dem Anliegen des Politbüro-Beschlusses wenig zu tun. In dieser Phase griff die Universitätsleitung mit ihren Forderungen nach mehr Raum entscheidend in die Planungen ein. Sie hatte längst eine neue Universität auf einem geschlossenen Areal favorisiert und war an der Erhaltung des Augusteums wenig interessiert, da es bei allen Reparaturen den neuen Anforderungen nicht genügen würde. Es wurden andere Nutzungen in Betracht gezogen, als Museum beispielsweise.

Das für 1959 bevorstehende 550jährige Universitätsjubiläum hatte jedoch die Planungen für den Wiederaufbau des Augusteums längst beschleunigt - wovon man an der Universität nicht völlig begeistert schien, favorisierte man doch, wie gesagt, ein eigenes Universitätsviertel. Dafür brauchte man alle Mittel. Auch Altmagnifizenz Mayer plädierte für einen Neubau. Lange war das Gelände an der Straße des 18. Oktober im Gespräch. Außerdem gab es zwei Innenstadtvarianten, und beide sahen immer noch vor, die Paulinerkirche - die übrigens nicht Kirchen-, sondern Universitätsbesitz war - knapp 50 Meter in die Universitätsstraße hinein zu verrollen. An ihre Stelle sollte ein vielgeschossiger Neubau treten.

Aus einem Sitzungsprotokoll im Bezirkswirtschaftsrat mit Rektor Mayer geht hervor, dass an der Uni ein Politbürobeschluss zur Erhaltung der Altbauten gar nicht bekannt gewesen sein soll. Die Universität wolle sich nun jedoch bemühen, dass er außer Kraft gesetzt werde. - Worauf der Verwaltungsdirektor der Universität, Hubert Jusek, unverzüglich vor das Sekretariat der SED-Bezirksleitung geladen und des parteiwidrigen Verhaltens beschuldigt wurde. Der 1. Sekretär, Paul Fröhlich, forderte in diesem Zusammenhang ausdrücklich den Wiederaufbau des traditionsreichen Augusteums, wobei er sich sowohl auf den Politbürobeschluss vom 30. Juni 1959 als auch auf spätere Äußerungen Walter Ulbrichts bezog. Auch Rektor Mayer blieb die Kritik der Partei nicht erspart, weil er es abgelehnt hatte, in das alte Augusteum zu ziehen.

Inzwischen setzte sich auch der neue OBM Walter Kresse - wir schreiben immer noch das Jahr 1959 - für die Erfüllung des Politbürobeschlusses ein. Er verdeutlichte den Universitätsvertretern, dass die Reste des alten Gebäudes unter Denkmalsschutz stehen und entsprechend behandelt werden müssen. Der Wiederaufbau des Augusteums sollte Bestandteil des kommenden Siebenjahrplanes sein. 1960 beklagte sich Stadtarchitekt Lucas über die mangelnde Unterstützung seitens der Universität, die - wenn auch nur scheinbar - eingelenkt hatte und das Augusteum nun doch nutzen wollte, mit Einschränkungen allerdings ... Verwaltungsdirektor Jusek engagierte sich weiter für einen Neubau. Über das Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen, das sich an die Arbeitsgruppe Hoch- und Fachschulpolitik beim ZK der SED wandte, gelangte schließlich die ernstzunehmende Beschwerde zu Walter Ulbricht, es habe keine ordentliche Abstimmung zwischen Parteiorganen und Universität gegeben. Der Rektor, der Universitätssenat, die Professoren hätten stark ablehnend reagiert, dass der Wiederaufbau des Augusteums ohne Wissen der Universität und des Staatssekretariats für Hoch- und Fachschulwesen in den Politbürobeschluss eingebracht worden sei.

Diesen Vorwurf konnte Ulbricht nicht vom Tisch wischen. Hinzukam, dass die Absicht, die Uni-Kirche zu verrücken, nicht umzusetzen war. Nimmt man dann noch wirtschaftliche Gesichtspunkte hinzu, so hatte die Universitätsleitung mit ihren beharrlichen Forderungen nach einem Neubaukomplex die besseren Karten. Außerdem: Das war der Zeitgeist, im Westen wie im Osten. Es herrschte eine Euphorie des Neuaufbaus. Besser und schöner als je zuvor sollten die Städte werden.

Von nun an nahm alles seinen Lauf, der mit der unheilvollen Sprengung der Kirche endete. Die Universität hatte offenbar in ihren Planungen spätestens 1962/63 die Kirche aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte beispielsweise Rektor Mayer an Oberbürgermeister Kresse geschrieben, dass es einhellige Meinung des Senats sei, die Altbausubstanz zu beseitigen - sie gehörte schließlich der Universität. Als Walter Ulbricht am 9. Oktober 1960 in Leipzig in der Ausstellung "Wir bauen unsere Stadt, alle helfen mit" den Kirchenabriss gegenüber CDU-Stadtrat Wittstock verteidigte, berief er sich auf Forderungen und Vorschläge der Universität zur Gestaltung eines Gesamtkomplexes.

Unbestritten ist, ohne Ulbrichts Segen hätte es keinen Abriss der Kirche gegeben. Dennoch lässt sich der tatsächliche Ablauf des Geschehens politisch nur schlecht vermarkten. Die vorläufigen Sieger der Geschichte brauchen den "barbarischen Willkürakt", "die dumpfe Machtdemonstration der Partei" zur Selbstlegitimation.


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