unsere zeit - Zeitung der DKP22. August 2008

Feuilleton

Kunst und Agitation
Die Fotomontagen von Heartfield und
Marinus im Kölner Museum Ludwig

In einer Medieninszenierung ersten Ranges präsentierte US-Außenminister Powell in der UNO-Sitzung am 5. Februar 2003 unumstößliche "Beweise" für den Besitz des Irak an Massenvernichtungsmitteln. Die Tonbandmitschnitte und CIA-Zeichnungen wurden illustriert mit Fotografien von angeblich mobilen Biowaffenfabriken. Plumpes Produkt aus den Fälscherlaboratorien des CIA. Immerhin genügten derartige Elaborate der Schurkerei das kriegsmüde Volk aufzurütteln und ein Mandat für den Krieg in den Parlamenten zu erwirken. Eine Sternstunde der Fotofälscher! Scharpings "Hufeisen"-Propagandalüge muss man schon in Erinnerung rufen und das gezinkte Bildmaterial von Milosevics "Konzentrationslager", mit dem der Kriegsheld Joschka die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt hat, ist auch schon verblasst.

In Zeiten der politischen Umwälzungen und des Krieges spielte die Fotografie schon immer eine herausragende Rolle. Die Zeit von 1914 und 1939 wurde den Lesern der Zeitungen mit geschönten Inszenierungen vermittelt. Die Kriegsfotografie, zumal die offizielle, hatte den einzigen Zweck, die Bevölkerung für die Fortsetzung des Krieges zu motivieren. 1926 reichte noch ein Bildschnitt, um aus den vier Genossen um Stalin den in Ungnade gefallenen Akulow zu entfernen. Die Propaganda der Nationalsozialisten kannte die Manipulationskraft der Bilder und entwickelte die Symbolik der Herrschaft zur Perfektion.

Ganz anders zwei Fotokünstler, denen das Museum Ludwig in diesen Tagen eine Ausstellung widmet. Das von der Politik korrumpierte Propagandainstrument Fotografie funktionierten die Montagekünstler John Heartfield (1891-1969) und der aus Dänemark stammende Jacob Kjeldgaard (1884-1964), der unter dem Pseudonym Marinus für französische Zeitungen Fotomontagen herstellte, um in ein Werkzeug der Aufklärung. Beeindruckt von der suggestiven Wirkkraft der Propagandafotografie im Ersten Weltkrieg griffen beide, der eine in Berlin, der andere in Paris, zu Schere, Klebstoff und Retusche um mit Fotomontagen die machtpolitischen Ränke der Vorkriegszeit aufs Korn zu nehmen.

Chronik des Schreckens

Der gelernte Grafiker Helmut Herzfeld alias John Heartfield, der mit George Grosz 1916 eine Antikriegskampagne veranstaltete, gründete den "Malik-Verlag", trat 1918 der KPD bei und fing 1924 mit der Montage von Fotos an. Seit 1930 schuf er Titelmontagen für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ), seit 1936 Volks-Illustrierte. 1934 wurde er von den Nazis ausgebürgert und 1938 floh er nach London. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland gestaltete er Bühnenausstattungen für Bert Brechts Theaterstücke und arbeitete für Verlage in der DDR.

Mit leidenschaftlichem Sarkasmus und einem geschulten Sinn für plakative Wirkung prangerte Heartfield die Macht- und Kriegspolitik Hitlers und seiner Verbündeten an. Die eindringliche Bildsprache und der appellative Gestus seiner Bilder zeugen vom hohen politischen Engagement des Künstlers.

Mit der symbolträchtigen fotografischen Überblendung Adolf als Übermensch: Schluckt Gold und redet Blech beginnt im Juli 1932 Heartfields Kampf gegen Führer der Nazis, Adolf Hitler. Im Oktober desselben Jahres enthüllt er mit der Collage Millionen stehen hinter mir die Hintermänner Hitlers und entlarvt diesen als Lakaien des Großkapitals. In der Montage Mimikri, die 1934 erscheint, klebt Goebbels seinem Chef den Bart von Karl Marx an, um bei der Arbeiterschaft auf Stimmenfang zu gehen. Das visionäre Blatt Nur keine Angst - er ist Vegetarier vom Mai 1936 lässt den französischen Premier Édouard Daladier beschwichtigen, während der Schlachter Adolf bereits den gallischen Hahn anvisiert. Am Ende der Reihe, im Juni 1938, steht eine retuschierte Montage, welche die Katastrophe des Krieges hautnah vor Augen führt: Das ist das Heil das sie bringen. Sie zeigt Kinderleichen vor zerbombten Ruinen. Darüber eine Skeletthand mit aus den Fingern hervor schießenden Kampfflugzeugen.

Dem Mahner Heartfield wurde 1940 im Londoner Exil eine Ausstellung gewidmet, zu der er als "Einzelkämpfer im Krieg gegen Hitler" begrüßt wurde.

Berichterstatter und Kritiker

Wie Heartfield hat auch Marinus für Zeitschriften gearbeitet. Die Kölner Ausstellung präsentiert die von 1932 bis 1940 in der linksintellektuellen Pariser Wochenzeitschrift Marianne erschienenen Fotomontagen, ein von böser Ironie und provokanten Anspielungen gesättigtes Werk, das dem Totalitarismus in Europa den Kampf ansagt. Wie Heartfield erkor sich der Däne in Paris den rechtsgescheitelten Schreihals und seine Entourage zu Protagonisten seiner Arbeiten. Sie zeigen Hitler als Balalaikaspieler, als Wiedergänger des Kaisers, als Anstreicher, als verblödeten Bräutigam aus Tristan und Isolde, als Karnevalsjeck. Im gemeinsamen Kampf gegen den drohenden Krieg ergaben sich manche Parallelen. Bereits 1933 polemisierte Marinus gegen die "Friedenspolitik" der Nazis mit einem Taubenschwarm in Hakenkreuzform und titelte: Die deutsche Friedenstaube. Die AIZ vom Januar 1935 erschien mit Heartfields Titel Hitlers Friedenstaube und präsentierte einen Raubvogel mit Hakenkreuzbinde. Wie Heartfield hat Marinus mehrfach Hitler mit dem Tod assoziiert: 1939 als Maler, hinter dem der Tod lauert, nach Böcklins Selbstporträt; als Kontemplator mit dem Totenschädel in der Hand; der Tod mit Hitlers Haartracht und Schnurrbart.

Marinus erscheint mit seinen 250 Fotomontagen als aufmerksamer und sarkastischer Berichterstatter der politischen Ereignisse in der Vorkriegszeit. Er reibt sich an der Appeasement-Politik von Chamberlain, Roosevelt und Daladier; entlarvt Franco, Mussolini und Hitler als Kriegstreiber und desavouiert Göring, Goebbels und Ribbentrop als kriegslüsterne Diener vor dem Herrn.

Mehrfach verarbeitet Marinus Reproduktionen klassischer Kunstwerke: Davids Schwur der Horatier mit den Politikern der Bündnispartner gegen Hitler; die Oberhäupter der okkupierten Staaten als Rodins Bürger von Calais; Leonardos Mona Lisa mit einretuschiertem Stalinkopf (alle 1939); und sein letzter Marianne-Titel, der garottierte belgische König Leopold III. nach Goyas Capriccios, im Jahre 1940.

Allein das der Ausstellung vorangestellte Bild Hitler blind - Stalin lahm, das Marinus anlässlich des Nichtangriffspakts zwischen Deutschland und der Sowjetunion am 23. August 1939 veröffentlichte, kommt auf lahmen Beinen daher. Wie seinerzeit die politische Welt das Braunhemd unterschätzte sowie Stalins Tatkraft verkannte, so hinkt Marinus´ Bildanalogie erheblich.

Wenn auch Marinus das grafische und agitatorische Niveau des Frontmanns der politischen Montage, John Heartfield, nicht erreichte, so sind seine provokanten und weitsichtigen Arbeiten wertvolle und zugleich unterhaltsame Zeugnisse des Kampfes für den Frieden. Die Wiederentdeckung zweier Fotokünstler, die logen, um die Lüge zu demaskieren, ist umso verdienstvoller, als sich der gegenwärtige Ausstellungsbetrieb als eine Eventproduktionsmaschinerie versteht, die eine Erziehung zur Mündigkeit nicht nur be-, sondern verhindert.

Dietmar Spengler


"Hitler blind - Stalin lahm: Marinus und Heartfield. Politische Fotomontage der 1930er Jahre", bis 19. Oktober im Museum Ludwig, Köln. Katalog 39 Euro. Informationen: www.museum-ludwig.de.


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