unsere zeit - Zeitung der DKP12. September 2008

Das Thema

Antideutscher Rassismus
Neues MASCH-Skript über antideutsche Ideologen
Von Holger Wendt

Menschen, die sich selbst Kommunisten nennen, sortieren gut und böse nach ethnischer Zugehörigkeit. "multikulti" gilt ihnen als Schimpfwort, Intoleranz gegenüber Minderheiten als Tugend. Ihre Feinde sind Migranten und Pazifisten. Sie verbreiten Theorien über globale Verschwörungen, hetzen gegen die Arbeiter- und die Friedensbewegung. Proteste gegen soziale Ungleichheit lehnen sie ab, Kriege können nicht brutal genug geführt werden. Dennoch gelten sie als Spielart der Linken, als Teil des antifaschistischen Spektrums. Ein grundlegendes Missverständnis. Es ist vielmehr zu fragen, ob die Ideologie der "Antideutschen", wenigstens in ihren konsequentesten Ausprägungen, nicht längst die Grenze zum Rechtsextremismus überschritten hat. So Holger Wendt in einem neuen MASCH-Skript über "Antideutsche Kommunisten", das Mitte September erscheint. Vorab veröffentlichen wir als Auszug das Kapitel "Antideutscher Rassismus".

Ein wesentliches Element linker Opposition gegen die deutschen Verhältnisse nach 1990 war der Widerstand gegen einen sich epidemisch ausbreitenden Rassismus, der sich in einer von bürgerlichen Parteien und Medien getragenen "Das Boot ist voll"-Kampagne, im sogenannten Asylkompromiss und in den Pogromen und Anschlägen von Rostock-Lichtenhagen bis Mölln manifestierte. Auch in dieser Frage gilt, dass die heutigen Antideutschen in keiner Weise an die antirassistischen Traditionen linker Politik anknüpfen. Ganz im Gegenteil: Antirassismus, kulturelle Toleranz und "Multikulti" gelten ihnen als Schimpfworte. Die Hauptfeinde der antideutschen Bewegung sind nicht "die Deutschen", sondern "die Moslems". Die oben angeführte Rede, in der sich Nachtmann vom linksradikaler Deutschlandkritik abgrenzte, ging wie folgt weiter: "Über Hitler und die Nazis sollte besser den Mund halten, wer vom Mufti von Jerusalem und den Moslembrüdern, den Islamnazis, nicht reden mag." (ebenda)

Hier sind wir bei einer Kernaussage des antideutschen "Antifaschismus" angelangt: Der Islam sei der "neue Nationalsozialismus". Ist schon die Gleichsetzung von Islamismus und Nationalsozialismus grober Unfug, gehen die Vertreter radikal-antideutscher Positionen noch einen bedeutenden Schritt weiter: Nicht nur der Islamismus, der gesamte Islam in all seinen religiösen, politischen und kulturellen Schattierungen wird als prinzipiell nationalsozialistisch denunziert. Zweck dieser Übung, die ohne den Rückgriff auf krudeste Analogiebildungen und ein Maximum an Ignoranz gegenüber den tatsächlichen Entwicklungen in Geschichte und Gegenwart der islamischen Welt nicht funktioniert, ist die Abqualifizierung eines Fünftels der Menschheit als moralisch und kulturell minderwertig, ihre Perhorreszierung als permanente Gefahr und als Feinde der Zivilisation. In einer Kolumne Hermann Ludwig Gremlizas in der Zeitschrift Konkret fiel sogar das Stichwort "Untermensch", das zwar vordergründig auf "die Antisemiten" gemünzt war - der antideutsche Leser weiß aber genau, dass der gefährlichste Hort des Antisemitismus der Islam ist.

Nun ist es selbstverständlich richtig, dass es in der islamischen Welt reaktionäre Kräfte gibt, religiösen Fanatismus, Rassismus, Homosexuellenfeindschaft, Sexismus, Antisemitismus, antidemokratische Bewegungen etc. Dies hat der Islam mit Christentum, Hinduismus, Buddhismus, Shintoismus und (natürlich mit Ausnahme des Antisemitismus) dem Judentum gemein. Rassistisch wird die Benennung dieser Tendenzen dort, wo sie nicht als reaktionäre Tendenzen innerhalb einer Kultur gesehen werden, der andere, progressivere Tendenzen entgegenstehen, sondern wo der gesamte Kulturraum als minderwertig abqualifiziert wird, wohingegen die eigene westliche, abendländische Kultur als Hort der Vernunft und der Menschenrechte erscheint. Zu den trivialen Selbstverständlichkeiten, die in antideutschen Diskursen gerne ausgeblendet werden, zählt die Tatsache, dass religiöser Fanatismus, Homosexuellenfeindschaft, Sexismus, antidemokratische Tendenzen etc. keineswegs Spezifika des Islam sind, sondern auch im westlichen Kulturraum fest verankert. Wo sie partiell zurückgedrängt werden konnten, da nur in hartem Kampf gegen die Eliten dieser Gesellschaften. Die Blutspur, die die "westliche", "christlich-abendländische" Kultur durch die Geschichte gezogen hat und immer noch zieht, ist um ein Vielfaches breiter als die, die der Islam hinterlassen hat. Auch der Antisemitismus, den die Antideutschen partout bei den Moslems verorten wollen, hatte hier seine Wurzeln und seine mit weitem Abstand mörderischsten Ausprägungen. Schließlich war es der Westen, der in den vergangenen Jahrzehnten jeden Versuch, in islamischen Ländern laizistische Gesellschaften zu etablieren und aufgeklärte Bewegungen zu stärken, konsequent mit brutalster Gewalt bekämpft hat. Wer diesen Westen jetzt als Rettung vor dem Islamismus anpreist, der bekämpft die Folgen mit den Ursachen.

An die Stelle des politischen, sozialen und ideologischen Kampfes progressiver und reaktionärer Kräfte innerhalb der Kulturen tritt im antideutschen Denken der Kampf der Kulturen, die dann je nachdem als höher- oder minderwertig zu gelten haben. "Gegen den Kulturrelativismus!" lautet die Parole. Der politische und weltanschauliche Klassenkampf innerhalb der Nation/Ethnie/Kultur/"Rasse" wird ersetzt durch den Kampf der Nationen/Ethnien/Kulturen/"Rassen". Dies ist der klassische Plot rechtsextremer Ideologien.

Völkisch-rassistische Zuschreibungen, gleichgültig ob sie sich traditionell biologistisch oder, wie im Fall der Neuen Rechten, "modern" kulturalistisch äußern, sind immer im höchsten Maße willkürlich. Das, was in rassistischen Diskursen als kulturell hochstehend oder was hingegen als barbarisch gilt, was als zu einer Rasse/Ethnie/Kulturgemeinschaft zugehörig betrachtet wird und was nicht, wie Freund und Feind, Herren- und Untermenschen definiert werden, hat herzlich wenig mit tatsächlichen biologischen oder kulturgeschichtlichen Gegebenheiten zu tun. Es ist in aller Regel Ausdruck politischer, ökonomischer und militärischer Interessen und wechselt ebenso schnell wie diese. Es ist noch keine hundert Jahre her, dass den Deutschen der Franzose als minderwertiger Erzfeind galt, die Engländer als perfide und verschlagen betrachtet wurden. Die angelsächsische Propaganda zeichnete ihre deutschen Gegner mit asiatischen Zügen. Im ersten Weltkrieg kämpften sowohl die Achsenmächte als auch die Entente für das christliche Abendland. Im zweiten Weltkrieg wurde die abendländische Kultur ebenfalls von beiden Seiten verteidigt: Von den Engländern und Amerikanern gegen die deutschen Hunnen, von den Deutschen gegen den Ansturm slawischer Barbaren und ihre jüdischen Komplizen im Westen. (Weil das vorsätzliche Missverstehen von Texten zu den beliebtesten Techniken antideutscher Demagogie zählt, sei hier eine eigentlich überflüssige Klarstellung angefügt: Es geht in diesem Abschnitt selbstverständlich nicht um die Gleichsetzung von Antihitlerkoalition und Deutschem Reich, auch nicht um die von angelsächsischem und NS-Rassismus. Es geht darum, dass "das Abendland" ein politischer Mythos ist, der mit jedem beliebigen Inhalt aufgeladen werden kann. Wenn Antideutsche heute "das Abendland" gegen "die Barbaren" verteidigen, verwenden sie ein Bild, das in der deutschen Propaganda für den Vernichtungskrieg im Osten eine zentrale Rolle gespielt hat.)

Die völlige Austauschbarkeit völkischer Stereotype lässt es als zweitrangig erscheinen, dass sich die rassistischen Parolen der Antideutschen (teilweise) gegen andere Gruppen richten als die von Republikanern oder NPD. Hier werden nicht unterschiedliche ideologische Konzepte vertreten, sondern lediglich verschiedene politische Interessen bedient. Das Niveau der rassistischen Hetze antideutscher Publikationen steht ihren offen neofaschistischen Pendants jedenfalls nicht nach. Bahamas-Redakteur Sören Pünjer beklagt sich über die antirassistische Szene, "die jede staatliche Regulierung von Zuwanderung als Rassismus geißelt, oder jeden, der das Wort Neger in den Mund nimmt, standrechtlich zusammenschlagen will." (zitiert nach: Hanloser [Hg.], Sie warn.die Antideutschesten..., S. 56 f.)

Ein Rainer Wasserträger (sic!) weist in Prodomo #8 die linksliberale Kritik an den rassistischen Wahlkämpfen der Hessen-CDU zurück:

"Roland Koch hatte im hessischen Wahlkampf erfolglos versucht, mit rassistischen Sprüchen Wählerstimmen zu binden, indem er einen Überfall in einer Münchener U-Bahn-Station, bei dem ein Rentner fast tot geprügelt wurde, als Beispiel einer ´Ausländerkriminalität´ anführte, gegen die nur noch Abschiebungen und Boot-Camps hülfen. Nachdem der Versuch der rassistischen Stimmungsmache kläglich gescheitert war, weil einzig die Bild-Zeitung mitmachen wollte, fühlten sich die Ideologen der Berliner Republik bestätigt. Dass Koch bewusst von Ausländer- und nicht von islamischer Gewalt gesprochen hatte, störte dagegen niemanden. Die Süddeutsche Zeitung, jenes nichtswürdige Verlautbarungsorgan der linksliberalen Mitte, setzte sogar noch einen drauf und versuchte die lieben Moslems von jedem Verdacht freizusprechen (...)"

In derselben Zeitschrift wird die rechtsextreme Mär von der Bevorzugung von Migranten durch den deutschen Staat aufgewärmt:

"Das hierzulande herrschende justizielle Desinteresse an der Strafverfolgung islamischer Mordhetzer scheint dem in Frankreich zu gleichen, nicht jedoch die öffentliche Auseinandersetzung." (Horst Pankow, Die Köpfe der Propheten, in: Prodomo #4) Bei der an den französischen Verhältnissen gelobten "öffentlichen Auseinandersetzung" handelt es sich um Kampagnen, die wesentlich von Konservativen und dem Front National getragen werden. In einer anderen Ausgabe heißt es:

"Es ist das ewig gleiche Spiel: Moslems sind per se unschuldig und wenn sie doch schuldig sind, dann nicht als Moslems, sondern als verblendete Opfer des Westens." (Jan Huiskens, Propagandisten der Gegenaufklärung, in: Prodomo #2)

Die Hetze der Prodomo erreicht einen Punkt, an dem bereits die physische Existenz der Moslems - die Tatsache, dass moslemische Frauen Kinder bekommen - als Bedrohung erscheint:

"Nicht nur durch die hohe Geburtenrate in islamischen Ländern wächst die islamische Gemeinschaft kontinuierlich an, sondern auch durch eine steigende Zahl von Konvertiten." (Jan Huiskens, Deutsch, islamisch, kampfbereit, in: Prodomo #3)

Fester Bestandteil antideutscher Agitation ist eine uferlose Vernichtungsrhetorik. Justus Wertmüller bedauert in der Bahamas, dass die Deutschen "nicht mit Hand anlegen (wollen) bei der Zertrümmerung der finsteren Kulturen, die Selbstverwaltung ohne Hoffnung auf irdisches Glück moderieren." (zitiert nach: Helmut Loeven, Antideutsch ist Amokdeutsch, in: Der Metzger, Juni 2002) und die Freiburger "Initiative Sozialistisches Forum" fordert in einem Artikel über "die Resultate einer ideologischen Kreuzung von Kamel und Schäferhund" in Bahamas Nr. 37: "Macht sie nieder, allesamt: Keiner, der in der bürgerlichen Gesellschaft ein Mindestmaß psychischer Gesundheit und moralischer Integrität sich bewahren konnte, der noch nicht davon geträumt hat, mit dem Maschinengewehr blindlings in ein Kaufhaus, ins Dreisamstadion oder gleich in den Reichstag zu feuern. Gründe dafür gibt es übergenug, und es erübrigt sich daher, mehr als nur diesen einzigen anzuführen: ´Man muss diesen Typen nur ins Gesicht sehen´." Ein in dem mit der ISF verbundenen ça ira-Verlag erschienenes Buch von Karl Selent wurde im selben Blatt mit folgendem Text beworben: "Den Kosovo-Palästinensern dagegen würde er gerne mal Arkan den Tiger zeigen." Arkan alias Zeljko Ražnatovic war Anführer einer Gruppe rechtsextremer Paramilitärs im jugoslawischen Bürgerkrieg, der Morde an Hunderten von Zivilisten zur Last gelegt werden.

Die Liste derartiger Zitate ließe sich beliebig verlängern, das Angeführte dürfte jedoch hinreichen, um die Vorstellungswelt radikal-antideutscher Autoren zu verdeutlichen. Besser als Bernd Schmid kann ich das Resümee nicht formulieren: "Für diese sehr deutschen ´Antideutschen´ bildet die Berufung auf den von ihnen angeblich geführten Kampf gegen Antisemitismus oftmals nur die ideologische Legitimation für ihre lebensgeschichtliche Abrechnung mit der Linken, und für die ungehemmte Übernahme mitunter rassistischer Thesen. (...) Den in Israel lebenden Menschen wird durch solche rechtsradikalen Gewaltfantasien deutscher, vorgeblicher Philosemiten mit Sicherheit kein Gefallen erwiesen" (www.hagalil.com)


Feindbild Islam

Das Ende des Warschauer Pakts und die Auflösung der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre stellten die imperialistischen Mächte vor die Notwendigkeit, das zahnlos gewordene Feindbild "Kommunismus" durch ein neues zu ersetzen. Anders wäre die Beibehaltung des gigantischen militärischen Droh- und Interventionsapparats der NATO-Staaten den Bevölkerungen nicht zu vermitteln gewesen; hatte doch schon in den Jahren zuvor die Gorbatschowsche "Perestroika" - samt der damit verbundenen Kapitulation vor den als "Menschheitsinteressen" verkleideten Expansionsbedürfnissen des Kapitals - die Propaganda in arge Verlegenheit gebracht. Der militärpolitische Diskurs im engeren Sinne erfand daher die "neuen Risiken", die angeblich den Umbau und die (für Waffenproduzenten höchst lukrative) Umrüstung der Streitkräfte erforderten; die ideologische Begleitmusik dazu lieferte, für die Eliten, die Entdeckung der Unvereinbarkeit unterschiedlicher Kulturen und ihres Zusammenpralls, des "clash of civilisations" (Samuel Huntington).

Für den Massengebrauch freilich war dies zu komplex; der neue Feind musste - und muss - eindeutig identifizierbare, in gewisser Weise: vertraute Züge tragen. Auch deshalb bot sie der Rückgriff auf das Bild eines Feindes an, das in den - durchweg "christlich" geprägten - Hauptländern des Kapitals auf eine viele Jahrhunderte alte Tradition zurückblicken kann: das des Islam. Dass dessen Kerngebiet sich durch besonderen Ölreichtum auszeichnet, ermöglicht es aufs Schönste, das ökonomisch Angenehme mit dem ideologisch Nützlichen zu verbinden.

Spätestens mit den - bis heute unaufgeklärten! - Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist es gelungen, dem "Feindbild Islam" einen festen Platz in den Ängsten der Bevölkerungsmehrheit der "Ersten Welt" zu verschaffen. Und es zugleich mit Namen und Gesicht zu versehen: dem Osama bin Ladens. In Deutschland verbindet es sich zudem eng mit einem vor allem gegen Immigrantinnen aus der Türkei und anderen Ländern mit islamischer Tradition gerichteten Ausländerhass.

Es ist kaum Zufall, dass die - physischen wie charakterlichen - Züge des heutigen Hauptfeinds in vieler Hinsicht jenen ähneln, mit welchen die antisemitische und antikommunistische Hetze seit jeher "den Juden" bzw. "den Bolschewisten" ausgestattet hat; sie werden sich bei künftigem Bedarf ohne große Retuschen auch "dem Chinesen" verleihen lassen ...

Aus: Marxistische Blätter 4-05

Folgende Beiträge dieses Heftes sind in unserem Archiv online verfügbar unter www.marxistische-blaetter.de: Wandlungen des Feindbildes Islam vom europäischen Mittelalter bis zum "American Empire" (Karin Rührdanz); Islamismus - seine Erscheinungsformen und die Ursachen seiner Entstehung (Sabah Alnasseri); Im "toten Winkel" der Erinnerung - Auf den Spuren arabischer Nazi-Opfer (Martin Robbe); Deutschland und die Muslime (Gazi Ates); Der Islam im Spiegel der marxistischen Religionskritik (Hans-Peter Brenner).


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