unsere zeit - Zeitung der DKP19. September 2008

Feuilleton

Nicaraguanische Impressionen
In der Botschaft Nicaraguas in Berlin ist eine Ausstellung
der Malerin und Grafikerin Erika Lahmann zu sehen

Ende August wurde im Saal "15 de Setiembre" der nicaraguanischen Botschaft in Berlin eine Ausstellung von 25 Gemälden und Aquarellen von Erika Lahmann eröffnet. Die Künstlerin hatte bereits in der DDR Kontakt zur Familie des damaligen nicaraguanischen Botschafters, auf deren Einladung sie 1995/96 in das mittelamerikanische Land reisen konnte. Dort stellte sie ihre Werke in den Städten Managua, León und Granada aus - und natürlich malte und zeichnete sie.

Es war zur Zeit der Regierung von Violeta Chamorro, die mit einer Politik des "Neoliberalismus" die Errungenschaften der sandinistischen Revolution beseitigen wollte. Das Gesundheitssystem wurde privatisiert, Agrarreform und Verstaatlichungen im Wirtschaftssektor wurden rückgängig gemacht, soziale Einrichtungen geschlossen. Die Arbeitslosigkeit, die Analphabetenrate und die Kindersterblichkeit stiegen wieder in dem ohnehin bitterarmen und vom Krieg zerrütteten Nicaragua.

"Während der Zeit meines Aufenthaltes begegnete ich liebenswerten, würdevollen und stolzen Menschen, die verzweifelt um ihre Existenz rangen", berichtet Erika Lahmann, "und ich litt, als ich hungernde und sterbende Kinder sah. Sie konnten aus Armut nicht in die Schule gehen und ich fragte mich: Was ist das für eine Gesellschaft, die diese Armut zuließ?"

"Nicaragua ließ mich nicht mehr los!" sagt sie. Sie wurde Mitglied des 2007 von Wolfgang Herrmann und Jürgen Mirtschink gegründeten Vereins "Nueva Nicaragua", der nun die Ausstellung ihrer Werke mitorganisiert hat.

Zu sehen sind großformatige Ölgemälde wie "Nicaraguanische Geschichte" (1998), eine allegorische Darstellung der indianischen, afrikanischen und spanischen Anteile der Bevölkerung in ihrer historischen Beziehung zueinander. Schon 1996 malte Lahmann die "Griteria", das Fest der Jungfrau Maria, das Anfang Dezember gefeiert wird. Geschützt durch ein Gitter vor dem Altar der Jungfrau, die im Hintergrund golden strahlt, geben Reiche Almosen an die Armen, unter denen ein Kind bereits im Sterben liegt. Ein kritischer Blick auf die Rolle der katholischen Kirche im Land.

In ihrer Gestaltung werden Einflüsse der naiven Malerei, aber auch karikaturistische Züge sichtbar.

Viele ihrer Bilder wirken grellbunt, auch wenn die Malerin betont, dass sie jeweils "nur vier Farben" und deren Mischungen benutzt.

Ein Beispiel dafür ist das "Nicaraguanische Tanzpaar", entstanden im Mai dieses Jahres nach einer Veranstaltung in Berlin-Lichtenberg vor dem Giebelwandbild des nicaraguanischen Malers Manuel Garcia Moia. Das Kleid der Tänzerin ist rot und lila, das Hemd des Mannes blau, beide bewegen sich vor einer apfelgrünen Fläche. Schrille Kontraste von Orange und einem hellen Blau herrschen auf dem Gemälde "Hilfe! Helft!" vor, das ein hungerndes Kind zeigt.

Eher humorvoll sind Ölbilder wie "Eine fremde Blume" und "Riesin, Zwerg Großkopf und Trommler-Versemacher", von einer traditionellen folkloristischen Maskerade, die Lahmann in León beobachtete.

Mit ihren auf der Straße an der Staffelei geschaffenen Ansichten der "Guadelupe-Kirche" und des "Platzes der Löwen" in Granada oder der "Straße mit Kathedrale" in León, weist sich Erika Lahmann als geschickte Aquarellistin aus. Rot und gelb leuchtende "Vulkanblüten" sind ebenso gekonnt auf das Papier gebannt wie eine stimmungsvolle "Puesta del Sol" - ein Sonnenuntergang an einer Vulkankette in melancholisch gedämpfter Farbigkeit.

Es sind "lebhafte, hintergründige, entzückende und leuchtende Landschaften", findet Karla Beteta Brenes, die junge Geschäftsführerin der nicaraguanischen Botschaft, sie "widerspiegeln die Glut unseres Landes und unseres Blutes".

Thematisiert wird auch die Bedrohlichkeit der Natur, die u. a. von dem "Vulkan Cerro Negro" in der Nähe der Stadt León ausgeht: ein Vulkanausbruch, eine Explosion von Rot, vor der die Menschen, klein am unteren Bildrand, flüchten.

Ein Faible hat die Malerin für Porträts. Imposant wirkt "Formalita", die Hausangestellte des Botschafters in der DDR, eine kräftige, selbstbewusste Schwarze (Acryl, 1983). Auf soziale Unterschiede verweisen auch die Aquarellporträts der verschämt und gequält lächelnden kleinen Hausmagd Flor beim Wäschewaschen und der hübschen und stolzen Renée Libertad, einer Schülerin des Colegio Alemán, der Deutschen Schule in Managua, die mithin zur privilegierten Schicht gehört.

"Eigentlich ist meine Ausstellung ein Protest gegen den Kapitalismus", meint die Künstlerin.

Für soziale Ungerechtigkeit und die Diskriminierung von Frauen hat Erika Lahmann ein scharfes Auge. Sie selbst, 1927 geboren, war Arbeiterin, bevor sie nach einem ABF-Abitur an der Burg Giebichenstein ein Jahr in Leipzig und aufgrund sehr guter Leistungen sechs Jahre in Leningrad studieren konnte. Sie spezialisierte sich auf die Kunst der Radierung. Zurückgekehrt in die DDR, musste sie allerdings enttäuscht feststellen, dass Kollegen und auch Genossen im Parteiapparat ihr Studium in der Sowjetunion keinesfalls so hoch einschätzten, wie sie geglaubt hatte. Sie schlug sich erst einmal als Reiseleiterin, als Kulturfunktionärin in Betrieben wie dem Stahlwerk Gröditz und als Lehrerin für Kunsterziehung durch. Erst 1974 wurde sie nach vielen Schwierigkeiten schließlich Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR und konnte als freischaffende Grafikerin in Berlin-Pankow leben. Sowjetische Freunde schickten ihr eine Tiefdruckpresse, mit der sie heute noch arbeitet, und sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit ebenso detailliert wie lebendig ausgearbeiteten Stadtansichten, etwa von Berlin, Potsdam, Dresden und Rostock.

Heute lebt die eigenwillige, temperamentvolle und fröhliche 81-Jährige in Berlin-Friedrichshain. Sie ist Kommunistin wie ihre Mutter, die vor dem Beginn der faschistischen Diktatur Mitglied der KPD und der Roten Hilfe war.

Ihre derzeit in der Botschaft ausgestellten Bilder möchte sie dem nicaraguanischen Staat schenken. Zunächst sollen sie aber auf Wanderschaft in andere Städte gehen. Interessierte Einrichtungen und Organisationen können sich bei der Botschaft in Berlin melden. Gern würde die Künstlerin dafür die Ausstellung noch aus ihrem Bestand von 60 Aquarellen aus Nicaragua ergänzen.

Cristina Fischer


Erika Lahmann: So sah ich Nicaragua. Gemälde und Aquarelle. Noch bis 25. September, Botschaft der Republik Nicaragua, Joachim-Karnatz-Allee 45, 10557 Berlin. Anmeldung unter Tel. 030/206 43 80, Mail embajada.berlin@embanic.de


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