unsere zeit - Zeitung der DKP26. September 2008

Feuilleton

Von Lampedusa und
anderen Gewöhnlichkeiten

Die neue CD von Kai Degenhardt: Weiter draußen

Nach fünf Jahren gibt es endlich ein neues Album von Kai Degenhardt. Für die lange Wartezeit werden seine Fans damit belohnt, dass es die Dimension eines Doppelalbums hat, es ist randvoll mit 70 Minuten Hörzeit und 18 neuen Songs. Kais Musik gehört zu dem Genre der "Singer-Songwriter" ("Natürlich mache ich politische Lieder - was auch sonst"). Weder Pendlerpauschalregelung noch Föderalismusreform werden von ihm allerdings auch nur im Ansatz textlich oder musikalisch behandelt.

Es handelt sich um eine CD mit großer Bandbreite und Dichte, was die Themenauswahl angeht, und - gleich vorab - um einen musikalischen Hörgenuss der Vielfalt von Stilrichtungen und Arrangements. Wie Kai Degenhardt selbst dazu schreibt, ist es "... mehr als eine Ansammlung von Liedern auf einem Speichermedium ... die Stücke sind auf gewisse Art miteinander verschraubt und verflochten, sodass z. B. spätere Lieder einzelne Elemente, Bilder und Motive, musikalische wie lyrische, aus vorhergehenden wieder aufnehmen oder von anderer Seite beleuchten ..."

Zu den Stücken gehören Miniaturen über "kleine Leute", die auf der Jagd nach dem Besser-Höher-Weiter ohne Chance die Bank drücken (im Park und auf dem Amt), die Wege zum Glück nur noch im Rückspiegel sehen. Wenig komfortabel ist es "ganz unten", so wenig wie "weiter draußen". Im gleichnamigen Titelsong ist das Außenseitertum zugleich künstlerische Haltung, die Unbestechlichkeit verbirgt: "Weiter draußen" ist eines von einigen "Unterwegs"-Liedern. Ein fetziges Stück im R&B-Stil, in dem es um die fahrende Zunft der Musikanten geht ("Selbstporträt"), mit markanten Bildern und den daraus gewachsenen philosophischen Erkenntnissen:

"... Kann nicht dafür, bin nicht dabei
und würde nichts dagegen tauschen,
zieh die Mütze ein Stück tiefer ins Gesicht,
bin weiter draußen ..."

Jährlich ertrinken viele hundert Flüchtlinge aus Afrika bei der Überfahrt mit Holzkähnen, Schlauchbooten und anderen Nussschalen im Mittelmeer. Wer es bis in die "Festung Europa" schafft, hat aber noch lange nicht überlebt - und eine existentielle Perspektive erst recht nicht. Wen berühren noch die Zahlen der Abschiebungen, die Zustände in den Abschiebelagern, die Toten in den Abschiebeknästen? - In dem Lied "Die Tötung" ist es Kai gelungen, am Beispiel des Flüchtlings Jean-Marie aus Bouaké einen mitreißenden und engagierten Beitrag zur Abschiebepraxis und dem Los der Flüchtlinge zu schreiben. Der Song endet so, wie das gewöhnliche Schicksal vieler namenloser in Deutschland zur Abschiebung Verdammter (oder in einem der Auffanglager wie Lampedusa inhaftierten Menschen) oft endet.

Und ihr, die powered by emotion,
kennt schon alle Katastrophen,
seid gelangweilt oder gähnt
über dieses Mörder-Lied,
das nur irgendwas erzählt,
doch die Herzen nicht berührt,
weil es jeden Tag passiert."

Herausragend ist auf dem Album auch ein Anti-Kriegs-Lied. Die tendenziell schrankenlose Kriegseinsatz-Politik der abwirtschaftenden Bundesregierungen und die einer mordlüsternen NATO-Soldateska überlassene Eigendynamik (zum Beispiel!) in Afghanistan werden anschaulich skizziert, was bereits im Songtitel zum Ausdruck kommt: "Wir gehen rein".

"Von Baumholder nach Pristina
von Kunduz bis Bagdad.
Brennend heißer Wüstensand,
robust ist das Mandat ..."

Das Schlusslied "Möge die Macht" handelt von einem an sich harmonischen Weihnachtsabend, an dem die Verwandtschaft zu Besuch kommt. Es ist ein klassisches Rollenlied: der weihnachtsabendliche Rundumschlag eines im Geist von 1968 geprägten Besserwissers und -verdieners aus dem ökolibertären Überbau mit all seiner langweiligen Beschränkt- und Verlogenheit:

"...Ja, ich gehe weiter in die Badewanne!
Na und?
Meine CO2-Jahresbilanz beträgt unter 10 Tonnen!
Euer alter Straßenkampf dagegen -
das ist Kasperletheater! ..."

Es ist klar, dass Kai in seiner künstlerischen Arbeit nicht unerheblich durch seinen Vater Franz Josef Degenhardt geprägt ist. Dies äußert sich sowohl in seiner sprachlichen Kreativität und Lyrik, als auch zum Teil im Musikalischen und im Handwerk des Songschreibens. Kai folgt dem großen Chronisten FJD mit dem Porträt des Hans Böhm am Vorabend der Deutschen Bauernkriege, eines Freiheitskämpfers aus der Zeit des Vorabends der Deutschen Bauernkriege.

Die Geschichte vom Pfeiferhänslein, der auch mit seinen Liedern und seiner Musik den Bauernaufstand im Fränkischen vorbereitet, steht im Grunde symbolisch für die Waffe der Kunst in der Revolution mit all ihrer Bedeutung ... - und mit ihrer Begrenztheit, denn:

"Lieder sind Brüder der Revolution,
Lieder sind ihre Begleiter,
doch stießen nicht Lieder die Zaren vom Thron,
schuld an ihrem Ende - warn Hände, sind Hände."
(Jahrgang 49/DDR)

Kai Degenhardt ist Perfektionist. Wer ihn bei Auftritten erlebt, wird dies immer wieder feststellen. Zum Beispiel wenn er seine Loop-Technik anwendet, sie vorher dem Publikum erklärt, verschiedene Instrumente nach und nach einspielt und dadurch eine stimmige Begleitung für verschiedene Songs schafft (er könnte es sich ja viel einfacher machen und vorgesampeltes Zeug über einen CD-Player im Playback-Verfahren abnudeln). Sein Album ist jedenfalls ein Beispiel seines weiterentwickelten musikalischen Könnens und seiner Gitarrenvirtuosität. Es gibt eine Vielzahl von Instrumenten, die eingespielt wurden. Mit dabei war auch Goetz Steeger (Bass, Keyboards, Percussion, Gitarre, Cittern).

Werner Lutz


Kai Degenhardt: "Weiter draußen". 15 Euro. Die CD ist zu beziehen beim Neue Impulse Versand, Hoffnungstraße 18, 45127 Essen. Tel.: 0201/24 86 482, Fax: 0201/24 86 484, E-Mail: NeueImpulse@aol.com


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