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Ausbruch aus einer zerstörerischen Idylle Zu Reglindis Raucas Roman "Vuchelbeerbaamland" | ||||||||
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Der Titel meint das sächsische Vogtland, abgeleitet vom Vogelbeerbaum, der als "Vuchelbeerbaam" aus einem erzgebirgischen Lied stammt und Kultbaum ist, aber auch zum Vogtland gehört. Das assoziiert gebirgige Heimat, schöne Landschaften und - vor allem in der Weihnachtszeit - Idylle pur. Der Titel meint mehr und signalisiert schließlich Gegensätzliches: Die Hauptgestalt Marie hat rote Haare, wird auch dadurch zum Außenseiter, was sie durch ihr insistierendes Nachfragen und Infragestellen in der Schule und bei den Eltern vorantreibt und ist für diese ein Hexenkind und rotes Früchtchen, wie die Vogelbeere. Deshalb verspottet und ausgegrenzt, verteidigt sie konsequent ihre Sicht und ihre Ansichten gegen Eltern, Mitschüler und Lehrer. Geboren wurde Marie wie die Autorin in Plauen. Die Handlung spielt in den siebziger Jahren und endet etwa 1983 in Plauen, das in vielen Ortsangaben erkennbar ist; der Roman verwendet unverhüllt eigenes Erleben der Autorin, unter anderem hat Marie wie die Autorin schon als Kind geschrieben. Bei der Beschreibung ihrer Erfahrungen löst die Autorin ein gestalterisches Problem überraschend kunstvoll: Sie vertritt eine Lebenshaltung, die aus der DDR anerkennt, was sie für richtig hält, und das ist viel. Sie findet damit keine Aufnahme bei den Menschen, die ihr am nächsten stehen und die aus falsch verstandener Religiosität und Arroganz eine bigotte Haltung entwickelt haben, aus der heraus sie das Land hassen, in dem sie ordentliche Arbeit haben; sie verteidigen den nach Kanada entkommenen Großvater, der als SS-Verbrecher entlarvt wird und sie versperren der Tochter die Bildungs-, Heil- und Lebenserfahrungen wie Kinderferienlager oder Kur, die sie gern haben möchte. In der Familienbeschreibung wird ein Grund mehr erkennbar, weshalb der sozialistische Gesellschaftsentwurf scheiterte. Plauen steht für Städte der DDR, die Familie der Marie für viele Familien mit ihrer Ignoranz, die an Bösartigkeit grenzt, und ihrer Begrenztheit, die auch die besten gesellschaftlichen Entwürfe zerstört. Die Autorin hat dafür eine faszinierende Erzähltechnik gefunden. Zwei Dinge musste sie bewältigen: den Widerstand der Verwandten gegen Maries Weltbild, in dem Revolutionäre wie Bebel und Wilhelm Liebknecht ihren Platz haben - von den Eltern missbilligt, in dem Literatur von Gorki, Heinrich Mann, Brecht usw. nicht als "Pflichtprogramm der roten Stümper", wie vom Vater, abgetan wird, in dem die sozialistische Schule anerkannt und unterstützt wird und das von sozialer Gleichheit geprägt ist; hinzu kommt das zunehmende, schockierende Wissen über den Großvater. Maries Weltverständnis stand gegen die anerzogene Glaubenswelt, gegen die nächsten Verwandten und familiären Traditionen. Die Erzählerin beginnt unsicher, verstört; fragmentarisch und mosaikartig werden Szenen gereiht, die aus dem Zettelkasten gefallen scheinen. Je mehr Widerstand sie von den Verwandten bekommt, desto entschiedener bekennt sie sich zur Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte, die immer präziser und schließlich dicht und stringent erzählt wird und zum Ausbruch Marie führt. Stärken des Romans stehen neben Schwächen, die typisch für die historische Übergangssituation ist, aus der heraus die Autorin schrieb: Sprachlich geht einiges durcheinander; die Semantik wird aus verschiedenen Geschichtsabschnitten bezogen, ohne diese zu repräsentieren. So gehört ein Lieblingsausdruck Hitlers, "körperliche Ertüchtigung", zur LTI (Lingua Tertii Imperii), nicht zur Sprache in der DDR. Dazu gehört auch nicht "Plastik" für "Plaste", das Wort gab es in dieser Bedeutung nicht. Stilbrüche ("abgelatschte Treppen", "bedröppelt") stören und haben nichts mit den Versatzstücken aus dem Vogtländischen zu tun. Dass die Autorin Zitate aus Morgensterns Gedichten, auch von anderen, verwendet, ist eine Zugabe, die nicht nötig wäre, die aber den ironischen, manchmal sarkastischen Blick der Autorin erkennen lässt. Schlägt man in Klees "Personenlexikon zum Dritten Reich" nach, findet man unter dem Familiennamen der Autorin auch den SS-Verbrecher des Romans. Spätestens da weiß der Leser, wie autobiografisch das Geschilderte ist, mit welcher Last Reglindis Rauca ans Schreiben gegangen ist, wie ehrlich sie ihre persönliche Geschichte aufgearbeitet hat und wie symptomatisch diese deutsche Geschichte ist. Am 5. Dezember 2008 meldete die Presse, dass sich in der Nähe von Klingenthal, einem der klangvollsten Orte des Vogtlandes, 60 Mitglieder der Waffen-SS-HIAG, die nicht verboten ist, zu einer "Julfeier" getroffen haben. Da wurde einmal mehr deutlich, dass dieser Roman sehr gegenwärtig ist, aktuelle deutsche Geschichte beschreibt und dass man ihn dringend empfehlen kann. Reglindis Rauca will die Gegenwart der vergangenen Geschichte verbreiten und "anderen Menschen Mut machen, sich diesem Thema zu stellen". Daraus "schöpfe" sie "selbst neue Kraft", wie sie am 17. Oktober 2008 in einem Interview sagte. Rüdiger Bernhardt Reglindis Rauca: Vuchelbeerbaamland. Roman. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 206 S., 18 Euro. | ||||||||