unsere zeit - Zeitung der DKP13. März 2009

Marxistische Theorie und Geschichte

Goebbels´ Lehrlinge am Werk
Wie Geschichten und Geschichte gefälscht werden

Der zweiteilige Fernsehfilm "Die Frau vom Checkpoint Charlie", der im Herbst 2007 im ARD zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, beruhte angeblich auf einer authentischen Geschichte. Dass dies nicht stimmte, war den Auftraggebern klar und völlig egal. Es ging um ein politisches Anliegen: 40 Jahre DDR-Geschichte müssen auf Mauer, "Stasi" und Unrecht reduziert, die DDR delegitimiert werden. Am Beispiel dieses Fernsehfilms lässt sich exemplarisch nachweisen, mit welchen Methoden gearbeitet wird um dieses Ziel zu erreichen. Dabei erleben wir alle derzeit, dass schon längst auch die unmittelbaren propagandistischen Vorbereitungen auf die 60. Jahrestage der Gründung von BRD und DDR sowie zum 20. Jahrestag des "Mauerfalls" in vollem Gange sind. Red.

Ich gehöre zu der Generation, die den Nazistaat noch durchlebt hat, habe also die berüchtigten Goebbels-Filme noch selbst gesehen. Das fing mit "Hitlerjunge Quecks" an, das war ein gut aussehender Bub, der in die Hitler-Jugend geraten war, aber einen brutalen kommunistischen Vater hatte, den der großartige Schauspieler Heinrich George - der Vater von Götz George - spielte und endete mit "Jud Süß", der Einstimmung des Volkes auf den massenhaften Mord an den Juden. Auch da spielte Heinrich George mit, der Filmvater der "Reichwasserleiche", der blonden, schlanken, schönen Cristina Söderbaum aus Schweden (Reichswasserleiche hieß sie im Volksmund, weil sie einige Male, auch im "Jud Süß" des Selbstmords wegen ins Wasser ging). Den Jud Süß spielte der ebenfalls großartige Ferdinand Marian - er nahm sich danach das Leben! - und noch einige andere großartige Schauspieler ließen sich in dieses fürchterliche Machwerk einspannen. Ich weiß also, welch verheerende Wirkungen solche Machwerke vor allem auf die junge Generation ausübten.

Aber wozu diese Einleitung? Weil ein realer Vorgang goebbelsmäßig aufbereitet in die bundesdeutschen Filmtheater und auf die Fernsehschirme gesteuert wurde und auf diesem Weg bis zu zehn Millionen Zuschauer fand.

Was im Folgenden berichtet wird, kann man entnehmen dem Buch Horst Schneiders: Gruselstory Checkpoint Charly. Die Frau vom Checkpoint Charlie - leidvolle Wahrheit oder Lügengeschichte?

Eine Ehe scheitert nach vierzehn Jahren. Die Frau macht sich mit ihren beiden Kindern auf den Weg, um - mit falschen Papieren - über Rumänien ins Land der schicken Autos, besseren Zigaretten und Westreisen zu entkommen. Erwischt und an die DDR ausgeliefert landet sie zunächst im DDR-Gefängnis und ihre Kinde, bis sie dem leiblichen Vater übergeben werden können, in einem Kinderheim. Die Mutter kann in den Westen ausreisen, kämpft selbstredend für die Ausreise ihrer Kinder, die aber bleiben beim Vater, und nun geht die Post ab!

Die Frau erzählt Schauerliches über ihren "Aufenthalt" beim DDR-Staatssicherheitsdienst: Dunkelhaft, in eine Art unterirdischen Bunker eingesperrt und was es so alles an Schauergeschichten gibt - bundesdeutsche Justizbehörden haben den Bunker zwar gefunden, er war aber ein Gestapo-Gefängnis und keines der "Stasi". Es wurde durch ansonsten nicht kleinliche bundesdeutsche Justizbehörden auch niemand der "Stasi" in diesem Fall belangt. Die Ferres, sie verkörpert im Film die Mutter, erzählt, sie habe im Gefängnis Hoheneck in einer Zelle gestanden, in welcher Frauen an die Wand gekettet, im kalten Wasser hätten stehen müssen. Es habe Unterleibserkrankungen und Todesfälle gegeben. Nun, die bundesdeutsche Siegerjustiz hat auch solches nicht ermitteln können, woher also hat Frau Ferres diese Kunde? Die Kinder, erfahren wir weiterhin, seien in Stasi-Bewahrung und alles, was sich sonst in einem solchen Fall als besonders dienlich zum Zwecke der "Delegitimierung" (Klaus Kinkel) der DDR erweist.

Flinke Schreiberlinge (Veith) halten die Geschichte fest. Filmemacher greifen sie auf, organisieren die erforderliche erkleckliche Millionensumme, heuern eine blonde, blauäugige, wie einst auch die Söderbaum gut aussehende und bekannte Schauspielerin an und ein herzerweichender Film wird produziert, längerfristig großplakatig beworben und dann in die Kinos und das Fernsehen hineingeschickt. Außerdem wird die erwähnte Schauspielerin in Talkshows und heulend bei einem Fernsehauftritt vorgeführt. Kurzum, es war ein regelrechtes Drama Shakespeareschen Ausmaßes.

Was aber war wirklich? Die Kinder in Obhut des Vaters, in guter Ausbildung, die eine Tochter konnte in der weltberühmten Tanzschule der Palucca Ballett lernen, beide in Fernsehfilmen der DDR mitwirken, bis sie schließlich zu ihrer Mutter ausreisen durften. Das alles ist dokumentarisch belegt, auch durch Briefe zwischen den geschiedenen Eltern und den Kindern zum Vater sowie durch Justizdokumente.

Selbst "Focus" sagte im Juli 2008: "Die wahre Geschichte enthüllt neue, überraschende Erkenntnisse". Da sei einiges "recht verklärt beschrieben" und teilweise "die Wahrheitsfindung schwierig". Der Mitteldeutsche Rundfunk meinte, es sei einiges "dramatisiert" worden (was das nun wohl heißen mag?). "Nicht alles, was im Film erzählt wird, ist genau so passiert. Auch die beiden Männer, die im Film der "Heldin" beigegeben sind, hat es nicht gegeben. "Abgeändert und im wahrsten Sinne dramatisiert wurde der Verlauf der Ereignisse, die die Freilassung der Töchter beschreiben." Da wird von einer massenhaften Zwangsadoption von Kindern in der DDR gesprochen und der Anschein erweckt, davon seien auch die Kinder der "Frau vom Checkpoint Charlie" betroffen gewesen. Nun der Bundestag hat das Problem untersucht und Folgendes festgestellt: Es gab sieben Fälle von Zwangsadoption und dabei wurde noch nicht einmal untersucht, ob es dafür nicht triftige Gründe (Rauschgiftsucht der Eltern etwa) gegeben hat.

Die Frau vom Checkpoint behauptet, ein Stasi-Romeo sei auf sie angesetzt gewesen, tatsächlich hatte sie nach der Scheidung einen Partner, mit dem sie ausreisen wollte. Ein Stasi-Romeo?

Weiterhin, es sei ein Killerkommando auf sie angesetzt gewesen, das sie bis zu einer Aktion in Helsinki verfolgt habe. Zwölf Ausreiseanträge habe sie gestellt. Bis zur Scheidung gab es keinen!

Sie habe zu ihrem Vater gewollt, der seit dreißig Jahren im Westen lebe. Dabei hatte sie seit ihrem 15. Lebensjahr keinen Kontakt mehr mit diesem Vater. Ihren Job als Informatikerin, meint sie, hätte man ihr weggenommen, tatsächlich hatte sie den auf eigenen Wunsch aufgegeben. Die im Fernsehfilm wirkenden Adoptiveltern der beiden Töchter sind frei erfunden. Die Kinder spielten putzmunter im Fernsehen und die Mutter konnte jeweils am Sonnabendvormittag die Fernsehauftritte ihrer Töchter anschauen.

Es werden spektakuläre Aktionen mit Hilfe bekannter in Westberlin beheimateter Agentenzentralen organisiert: Einmal eine Audienz beim Papst, ein anderes Mal bei Genscher, die sich einer solchen antikommunistischen Mache nicht völlig entziehen können, aber auf zurückhaltend diplomatische Art nichts sagten oder taten.

Ist es wirklich falsch, hier die Wiederbelebung der Nazi-Propaganda-Methoden zu erkennen?

Robert Steigerwald


Horst Schneider: Gruselstory Checkpoint Charly. Die Frau vom Checkpoint Charlie - leidvolle Wahrheit oder Lügengeschichte? Verlag Wiljo Heinen. 174 Seiten. 5,- Euro


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