unsere zeit - Zeitung der DKP10. Juli 2009

Marxistische Theorie und Geschichte

Ein ungesühntes Verbrechen
Die SS-Mörder von Tulle lebten unbehelligt in der Bundesrepublik

Das Internationale Militärtribunal (IMT), das 1945/46 in Nürnberg nach gründlicher Vorarbeit über die Hauptkriegsverbrecher des faschistischen Deutschlands urteilte, war ein guter Anfang. Detailliert präsentierte das aus Repräsentanten der vier Siegermächte zusammengesetzte Gericht faschistische Gewaltverbrechen. Unter anderem verurteilte man die SS als "verbrecherische Organisation". Eine Reihe spezieller Prozesse folgte.

Die Erosion der siegreichen Anti-Hitler-Koalition sowie der von der US-Führung eingeleitete Kampf um die Weltherrschaft und die damit verbundene Konfrontation mit der UdSSR führten dazu, dass man Hitlers "Ost-Experten" u. a. Hauptschuldige rehabilitierte und reaktivierte. Der Bonner Kanzler Adenauer als Repräsentant privilegierter Oberschichten drängte mit einigen Hitlergeneralen, die ihre Dienste dem US-Generalstab anboten, auf die Aussetzung der völkerrechtlich gebotenen Verfolgung und Bestrafung von Kriegsverbrechern. Die von der US-Führung als "antikommunistisches Bollwerk" instrumentalisierte BRD sollte und wollte für das avisierte "Zurückrollen des Kommunismus aus Europa" deutsche Soldaten stellen. Die Beschlüsse und Lehren des 8. Mai 1945 wurden verdrängt.

Eines der grausamsten und ungesühnten Kriegsverbrechen sind die Erhängungen von Tulle in Südfrankreich am 9.6.1944. 99 Zivilisten erhängte man, einige Hundert wurden deportiert; von diesen kamen 101 nicht zurück. Verantwortlich für dieses Verbrechen war General Lammerding, Kommandeur der SS-Division "Das Reich".

Was war geschehen? Am 7./8.6.1944 griff der kommunistische Widerstand (FTP) die deutsche Garnison in Tulle an. Am Abend des 8.6. befand sich die Stadt Tulle zum größten Teil unter Kontrolle der FTP. Der Zeitpunkt war günstig gewählt: am 6. Juni hatten die westlichen Alliierten in Nordfrankreich die "Zweite Front" eröffnet und stießen - trotz heftiger Abwehr - Richtung Paris und deutscher Grenze vor. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Rote Armee Hitlers Truppen auf breiter Front zurückgeschlagen, einige Völker befreit und bewegte sich auf die deutsche Grenze zu. Da schien es geboten, auch im besetzten Frankreich die faschistischen Besatzer zu vertreiben: in Tulle tötete man 60 deutsche Soldaten, 60 nahmen die FTPler gefangen. Eine Aktion zur Befreiung Frankreichs schien gelungen. (Bd. III, S. 322 ff.)

Die SS reagierte sofort. Noch am Abend des 8.6. erreichte ein Vorkommando der Panzerdivision "Das Reich" Tulle. Lammerding ließ am 9.9.1944 bei einer Razzia viele Franzosen auf einem Platz zusammentreiben; sein Ic-Offizier Kowatsch sowie der Offizier Walter Schmalds wählten 120 Männer aus, die zur Sühne erhängt werden sollten. Am folgenden Tag erhängte die SS 99 Zivilisten - gleichzeitig mit dem Massaker von Oradour! Weitere 311 Männer brachte man nach Limoges, von diesen deportierte die SS 149 nach Auschwitz. Am 20./21.6. besetzten andere deutsche Truppen Tulle: man drohte Einäscherung der Stadt an und weitere Strafmaßnahmen; 75 Männer verschickte man zur Zwangsarbeit. Der Terror hielt an. (Bd. III, S. 396 ff.)

In vier Bänden untersucht Bruno Kartheuser das bestialische Wüten von SS, SD und Hitlers Wehrmacht. Sein 4. Band heißt "Die Erhängungen von Tulle. Ein ungesühntes Verbrechen", nachdem im 3. Band "Der 9. Juni" im Detail geschildert wird. Nach den Verbrechen in Tulle wird der Widerstand in der Region Correze, dessen Hauptstadt Tulle ist, verstärkt. Mit höchster Akribie spürt der Buchautor die Verantwortlichen auf.

Die Analysen Kartheusers ergeben: obwohl die Oberste Heeresführung in Frankreich die "initiale Verantwortung" trägt, liegt die Verantwortung für das Massaker in Tulle bei SS-General Lammerding. Trotz eines speziellen Prozesses wird das Verbrechen nur unzureichend aufgeklärt. Die obersten Instanzen der Wehrmacht in Frankreich (Stabschef war General Speidel, später einer der Spitzenmilitärs der BRD) bezieht man wider besseres Wissen nicht in den Prozess ein. Kein hoher Kommandeur von SS und Wehrmacht - außer Lammerding - wurde wegen des Massakers verurteilt. Lammerding verurteilte man 1951 in Frankreich zum Tode. Weil er jedoch Schutz genoss, wurde er nicht ausgeliefert. Bis zu seinem Tod 1971 lebte er unbehelligt in der BRD, obwohl ein Haftbefehl aus Frankreich gegen ihn vorlag. "France Dimanche" meldete am 8.2. 1953, Lammerding sei vom US-Geheimdienst verpflichtet worden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Dortmund wurden nur oberflächlich geführt. (Bd. III, S. 223 ff.) Weitere Mitverantwortliche am Massaker von Tulle belangte man ebenfalls nicht. Der 1. Stabsoffizier der SS-Division "Das Reich", Albert Stücklein, wirkte als Abgeordneter im Freisinger Stadtrat und als Bezirksvorsitzender der FDP. Kartheuser untersucht die "Verantwortung der SS" im allgemeinen: nach dem IMT unterstand sie dem Befehl des Heeres. Gleichwohl verfolgte man SS-Chargen nur dann, wenn sie keinen Schutz genossen. In Tulle ist der Befund eindeutig: die Entscheidung ging von Lammerding aus; eine hohe Mitverantwortung trug Stabsoffizier Stücklein.

Besonders grausam waren die Praktiken des SD (Sicherheitsdienst, vom IMT als "verbrecherisch" verurteilt). Oberster Chef war Heydrich, Nachfolger Kaltenbrunner). Dokumente über das Wirken des SD vernichteten die Militärverwaltungsstellen. Die von Kartheuser verwendeten stammen vom französischen Widerstand (S. 120). Durch seine Kooperation mit der französischen Miliz erlangte der SD wichtige Kenntnisse. Beide, der SD und die Miliz, trieben Juden in den finanziellen Ruin, dem oft Hinrichtungen folgten. Walter Schmald war in der Corriere an den meisten Verbrechen führend beteiligt (S. 137). Obersturmbannführer Maier in Limoges war sein Vorgesetzter. Beide trugen Mitverantwortung für das Massaker in Tulle und weitere Festnahmen bzw. Folterungen von Widerständlern in der Corriere. Schmald wurde von bürgerlichen Widerständlern hingerichtet.

Nach der Landung der Alliierten in Frankreich verstärkten alle Widerstandsgruppen ihre Aktivität. Die FTP erweiterte ihre Sabotage- und Kampfestätigkeit. Die bürgerliche AS übte "Exerzieren". Die ORA versuchte, Kommandostellen zu besetzen. Trotz ideologischer Gegensätze führte man gelegentlich gemeinsame Aktionen durch. Die Alliierten sorgten für bessere Bewaffnung, während deutsche Truppen und französische Miliz verstärkt gegen die Partisanen wirkten. Schon vor der Befreiung Frankreichs begann die "Epuration", die Säuberung, d. h. die Bestrafung der Kollaborateure (S. 224 ff.).

Der Verfasser verweist darauf, dass viele Franzosen gezwungenermaßen oder freiwillig Dienst für den Aggressor leisteten, Die Schilderung der Ereignisse nach der "Liberation" in der Corriere würde die Schrecken des 9.6.1944 in Tulle verdeutlichen (S. 220). (Die Fülle der vom Verfasser geschilderten Einzelaktionen lässt sich hier nur zusammenfassend referieren).

Die französische Justiz leitete zwar bis Dezember 1949 ca. 1 500 Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen ein. Im Dezember 1952 ergab sich jedoch in Bonn eine Annäherung der Positionen. Die neue deutsch-französische Freundschaft führte zu einer Aussetzung weiterer Bestrafungen. 1958 saßen in Frankreich nur noch neun Personen wegen Kriegsverbrechen in Haft, darunter die deutschen Polizeichefs Oberg und Knochen; im Dezember 1962 entließ man auch diese in die BRD (vgl. Bildseite 229).

Der Schutz erwiesener Kriegsverbrecher und Haupttäter des NS-Regimes gehört zu den prägenden Entwicklungen der 1949 konstituierten BRD (S. 235 ff.). Der Autor beschreibt Schicksale von Wehrmachtsgeneralen, die in Frankreich verantwortlich waren (S. 246 ff.; z.B. General Stülpnagel, Feldmarschall Rundstedt, General Blaskowitz).

Dem Fall Lammerding widmet der Autor ein umfangreiches Kapitel (S. 298 ff.). Die Frechheit, mit der NS-Kriegsverbrecher in der BRD gegen Antifaschisten auftraten, belegt eine Anzeige des Mörders von Tulle gegen die Zeitung der VVN "Die Tat" und deren Chefredakteur, Werner Sterzenbach. "Die Tat" berichtete am 17.7.1965 über den "Massenmörder" Lammerding, der "wegen zahlreicher Geiselmorde in Abwesenheit zum Tode verurteilt" wurde (S. 344). Das Landgericht Düsseldorf griff am 18.1.1966 die Morde in Tulle in seinem Urteil in bislang nicht üblicher Deutlichkeit auf: in einem nicht SS-konformen Sinn. Eine Pressekonferenz, die Sterzenbach mit den Eltern von Gehängten und dem Sekretär der französischen Widerständler durchführte, verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Versuch Lammerdings, den Begriff "Geiseln" durch "Partisanen" richtig stellen zu lassen, scheiterte! - Eine Kundgebung in Tulle mit mehr als 5 000 Teilnehmern forderte am 29.11.1970 die Auslieferung Lammerdings (S. 361).

Nach dessen Tod in Bad Tölz am 13.1. 1970 würdigte SS-Sturmbannführer Weidinger in einer Lob- und Trauerrede seinen General als "Opfer einer modernen Menschenjagd"; er hätte "viele Deutsche aus den Händen der Maquisards befreit!" - ohne die Aggression und Okkupation gegen Frankreich und den Terror der SS zu erwähnen. (S. 362).

Der Autor präsentiert die Nachkriegsschicksale weiterer SS-Führer (S. 371). Der "Fall August Meier", Kommandeur des SID in Limoges und dessen Verurteilung folgt (S. 394 ff.).

Zum Schluss legt der belgische Autor Rechenschaft ab über seine 11-jährige Forschung in Frankreich, speziell in Tulle (S. 477 ff.). Kernland der Untersuchungen war Frankreich, vor allem Tulle. Die unzulängliche Faktensicherung offizieller Stellen, vor allem bei der deutschen Wehrmacht, sei charakteristisch. Im "Land der Täter" dominiere die Verdrängung. Effektive Strafverfolgung vereitelte die deutsche Justiz.

Das Buch enthält viele aussagekräftige Fotos. Die Bibliografie umfasst 6 Seiten. Archivangaben, Abkürzungsverzeichnis, Bildnachweis und Angaben über militärische Ränge von Wehrmacht, SS und Armee francaise beschließen den fast 500-seitigen Band.

Kartheusers Werk liefert - erneut - stichhaltige Beweise, wie in der BRD Geschichte aufgearbeitet bzw. gefälscht, Wesentliches verdrängt und Kriegsverbrecher begünstigt wurden. Die reaktivierten Täter erkoren ihren alten Feind zu ihrem neuen: die UdSSR. Wer Massaker aufdeckte und die Mörder beim Namen nannte, bekam es mit dem "Staatsschutz" zu tun. Und mit der neuen/alten Justiz!

Den Opfern von Tulle gelobte man nach der Befreiung: "Die Nation wird euch nicht vergessen! Euch wird Gerechtigkeit widerfahren!" Dieses Versprechen wurde nicht eingelöst. Das Verbrechen von Tulle wurde nicht gesühnt. Man kann es jedoch dem Vergessen entreißen, in dem man es popularisiert. Der Autor steht für Vorträge zur Verfügung. In jedem Fall sollte man darüber sprechen - nicht nur im engsten Kreis!

Lorenz Knorr

Bruno Kartheuser, 3. Band, Die Erhängungen von Tulle. Der 9. Juni 1944. Neundorf 2004, 560 Seiten, 40 Euro. - Ders., 4. Band. Die Erhängungen von Tulle. Ein ungesühntes Verbrechen. Neundorf 2008, 495 Seiten, 36 Euro


Die SS-Division "Das Reich"

Vorläufer der SS-Division "Das Reich" war die SS-"Verfügungstruppe", die bereits 1934 aufgestellt wurde und aus der später die Waffen-SS hervorging.

Nach einem Erlass Himmlers vom 5.12.1939 wurden die Einheiten der SS-"Verfügungstruppe" und der SS-Totenkopf-Division in territorialer Hinsicht den höheren SS- und Polizeiführern unterstellt. Inspekteur der SS-"Verfügungstruppe" war der seinerzeitige SS-Gruppenführer Paul Hausser.

Nach dem Polenfeldzug wurde aus den SS-Standarten "Deutschland", "Germania" und "Der Führer" die SS-Verfügungsdivision gebildet. Sie gab später die Standarte "Germania" zur Neuaufstellung der Division "Wiking" ab und erhielt die Bezeichnung "Das Reich".

Bis zum Frühjahr 1944 terrorisierte und mordete die SS-"Verfügungstruppe", aus der die Division "Das Reich" hervorging, in Polen und in der Sowjetunion. Darüber heißt es in den Kriegstagebüchern der 2. SS-Panzerdivision "Das Reich" u. a.:

31. August 1941: - "die Zahl der durch Stabskompanie HSSUPF Russland-Süd liquidierten Juden erhöht sich auf 23 000."

27. Februar 1942: - "rund 100 Juden getötet, das Ghetto niedergebrannt. Bei neuen Razzien 4 Kommissare, 2 000 Partisanen und 50 Personen auf der Flucht erschossen."

11. Mai 1942: - "ein Transport von 1 000 Juden aus Wien, der direkt vom Bahnhof zu den Gruben geführt wird."

13. Mai 1942: - "2 000 Juden aus dem Reich füllen die Gruben."

27. Juni 1942: - "Der Erde wurden etwa 4 000 Juden übergeben."

Im Frühjahr 1944 wird die SS-Division neu gruppiert und nach Frankreich verlegt. Von Mai bis Juli 1944 führt die Division "Säuberungsaktionen" in zahlreichen französischen Orten durch. Dabei werden in mindestens 40 Ortschaften Häuser niedergebrannt, hunderte Menschen zusammengetrieben und deportiert oder an Ort und Stelle erschossen, zum Teil auch erhängt, darunter Frauen und Kinder.

Zwischen dem 6. und 10. Juni 1944 verüben Einheiten der SS-Division "Das Reich" die Massaker von Tulle und Oradour-sur-Glane.

... In Oradour werden am 10. Juni 1944 643 Einwohner, darunter fast 500 Frauen und Kinder, ermordet. Der gesamte Ort wird dem Erdboden gleichgemacht. Alle Frauen und Kinder des Ortes werden in die Kirche gebracht, wo sie von den SS-Männern mit Maschinengewehren und Handgranaten niedergemacht werden. Anschließend wird das Gebäude mit den Leichen in Brand gesteckt. In der näheren Umgebung werden zahlreiche weitere Personen ermordet.

1971, bei der Gründung der "Truppenkameradschaft" in Rosenheim, erklärt der ehemalige Adjutant Himmlers, Buch, der Traditionsverband sei erst jetzt gegründet worden, "weil uns der Quatsch von Frankreich nachhängt". Gemeint waren damit die Massenmorde von Oradour und Tulle.

Quelle: Waffen-SS in der Bundesrepublik.
Eine Dokumentation der VVN-Bund der Antifaschisten.
Frankfurt a. Main 1977, S. 43/44


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