unsere zeit - Zeitung der DKP25. September 2009

Die letzte Seite

Der Arbeitersportler Wilhelm Pfannmüller
Zur Geschichte der SKG Mittelgründau

Nach 1945 war von einem politischen Bruch mit der Vergangenheit im Deutschen Fußballbund (DFB) etwas festzustellen. Schuldbewusstsein wegen der Nähe der Verantwortlichen zu den Nazis in der Zeit von 1933 bis 1945 war für den DFB ein Fremdwort. "Bei so hohen Idealen, die wir vertreten" - so der erste DFB-Präsident nach 1945 Bauwens -"hört die Demokratie auf". Bauwens selbst war schon unter den Nazis Fußballfunktionär gewesen. Wie er kehrten ehemalige Nazigrößen nach und nach in ihre (alten) DFB-Ämter zurück. Einig waren sich die neuen Demokraten in der Ablehnung von allem, was nach sozialistischem oder Arbeitersport aussah.

Die SKG Mittelgründau - in der Nähe von Hanau gelegen - hat hierzu ihre eigene Sportgeschichte veröffentlicht. Danach sei Fußball für die Nazis eine "anglo-amerikanische" Erfindung gewesen. Der Mannschaftssport war ihnen zu kollektiv und ihrer Ansicht nach kommunistisch. Das deutsche Leitbild - blond, groß, blauäugig - kam im Mannschaftssport Fußball zu wenig zur Geltung.

Und tatsächlich waren die damaligen Vereinsmitglieder in Mittelgründau auch meist politisch links eingestellt. Aus diesen Gründen wurden 1933 in Mittelgründau - anders als etwa in Mannheim-Neckarau - auch die Fußballvereine verboten. In Mannheim-Neckarau war der den Nazis sympathische Sepp Herberger tätig.

Der Grund des Verbotes in Mittelgründau war besonders auf das Wirken von Leuten wie dem Kommunisten Pfannmüller zurück zu führen. Er wurde von den Nazis als sogenannter Rot-Sportler verhaftet und in das KZ Friesland verschleppt. Mit Glück und Geschick entging er als Soldat in der Strafkompanie 999 dem Tod als Kanonenfutter auf dem Balkan. Oft wurden dort zwangsrekrutierte Kommunisten von den SS-Leuten von hinten erschossen. Wilhelm Pfannmüller gelang es zu desertieren. Nach 1945 gründete er mit anderen Kommunisten und Sozialdemokraten in Mittelgründau einen neuen Sportverein. Nur weil man den Fußballverein zusammen mit einem Kulturverein anmeldete, war die US-Armee bereit, diesen neuen Verein anzuerkennen. Einen rein kommunistischen Sportverein hätten damals die Amerikaner nicht genehmigt. Man nannte sich Sport und Kulturgemeinschaft - SKG Mittelgründau.

Zunächst wurde in Eigenleistung ein Sportplatz gebaut. Dann machte sich Wilhelm Pfannmüller daran, Spenden für ein Dorfgemeinschaftshaus zu sammeln. 1955 schließlich war es fertig. Anschließend sammelte der niemals müde werdende Pfannmüller für ein neues Schwimmbad - direkt neben dem Sportplatz.

Wilhelm Pfannmüller war stets ein vorbildlicher Arbeitersportler. Zudem war er der führende Kopf der KPD und der Bahngewerkschaft. Er war der erste demokratisch gewählte Bürgermeister der Nachkriegszeit von Mittelgründau. Trotz Naziterror und US-Armee-Besetzung stand er treu zu seinen sozialistischen Werten. Er konnte überzeugen und andere Menschen für seine Ideale gewinnen.

Solchen Menschen - wie Pfannmüller einer war - verdankt das Nachkriegsdeutschland sehr viel. Überzeugt den Naziterror überwunden zu haben, machten sie sich mit viel Idealismus daran, ihr "neues Deutschland" - in der Hoffnung auf ein sozialistisches Deutschland - aufzubauen. Ihre Lehre aus der Geschichte war kein "immer weiter so", ihre Lehre aus der Nazizeit war die des Bruches mit dem kapitalistischen System. Für sie war klar, dass das neue Deutschland nur eine Wirtschaftsordnung ohne Kapitalrenditen und Profitmaximierung sein konnte. Ein soziales, friedliches und demokratisches Deutschland war ihrer Meinung nicht möglich, solange die Wirtschaft weiter von denen gesteuert wurde, die an Ausbeutung und Kriegen verdienen.

Leute wie Wilhelm Pfannmüller stehen heute für tausende deutsche Bürger, die die richtigen Lehren aus der unheilvollen deutschen Nazi-Geschichte zogen. So ist es zu begrüßen, dass man in Mittelgründau nachdenkt, das Sportheim und das Dorfgemeinschaftshaus auf den Namen "Wilhelm-Pfannmüller-Haus" zu taufen.

Im sechzigsten Jahr der Bundesrepublik wird es Zeit sich dieser mutigen und ehrenvollen Menschen zu erinnern und sie zu würdigen.

Werner Bischoff


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