unsere zeit - Zeitung der DKP2. Oktober 2009

Feuilleton

Kompromisse waren seine Sache nicht
Am 8. Oktober würde der Dichter Alfred Matusche 100 Jahre alt

Zu seinem 100. Geburtstag werden eine Sammlung seiner Dramen und eine Festschrift "Das Lied seines Weges" vorbereitet. Das ist wichtig, denn Alfred Matusche ist heute vergessen. Richtig ist auch: Das haben seine Stücke nicht verdient. Aber ein großes Publikum hatte der unbequeme, wenig gefällige Dichter, der oft als Außenseiter gesehen wurde, bereits zu Lebzeiten nicht. Er forderte zum Widerspruch heraus. Sein Bild von der Arbeiterklasse entsprach nicht den idealen Vorstellungen der Parteiphilosophen. Seine Vorstellungen von Konsum und Moderne, behandelt in "Kap der Unruhe" (1970), boten ebenso Ecken und Kanten. Er sah darin die Verführung zu vorschneller Zufriedenheit und lähmender Sattheit, die Alternative war für ihn das natürliche Leben des Menschen.

Der Verleger André Thiele hat sich um die genannten Veröffentlichungen verdient gemacht. Seine These, die DDR würde nicht in Vergessenheit fallen, weil sie die größeren Dichter gehabt habe, und zum Beweis nennt er Peter Hacks, Heiner Müller und Alfred Matusche, ist gut gemeint, aber nur ein Bruchteil der Wahrheit. Die DDR wird nicht vergessen werden, weil sie Entwicklungen versuchte - vom Bildungssystem über die Polikliniken, vom System der Gemeindeschwestern bis zu einer breiten betrieblichen Volkskunstbewegung, von einer industriellen landwirtschaftlichen Produktion bis zu einer breiten Sportund Kulturpflege, die von den Grundschülern bis zu den Spitzenkönnern alle einbezog, und vielem anderen mehr. Das taucht immer wieder auf, wird unter neuem Namen versucht oder am Beispiel des Auslands - das Bildungswesen Finnlands - bestaunt. Diese relevanten Entwicklungen ließen große Dichtung entstehen. Ohne die Widersprüche der DDR wären Peter Hacks und Heiner Müller, auch Alfred Matusche nicht zu denken. Deshalb hat Matusche, trotz mancher Ablehnung in seinem Land, in der westdeutschen Literaturkritik keinen Platz als Opponent bekommen.

Matusche war geblieben, was er war: das Kind eines Arbeiters, der den Arbeitern eine natürliche Klugheit und eine unverbildete Menschlichkeit zugestand, wie er sie selbst hatte, der sie auch gefährlichen Widersprüchen ausgesetzt sah, die auch er durchlebte. In seinem Stück "Der Regenwettermann", uraufgeführt in Potsdam 1968, bewahrt sich der deutsche Soldat Gleß im Krieg diese Menschlichkeit und entzieht sich dem Mordauftrag an wehrlosen jüdischen Menschen, den er bekommt, durch den Freitod. Während er stirbt, bietet sich dem jüdischen Kind Daniel die Möglichkeit zu leben: "Das Unmögliche ist doch möglich" sind Gleß´ letzte Worte. Das Symbol des Regenwettermannes, den Gleß bei jedem Wetter getroffen hatte, ist die Verkörperung bewahrter Menschlichkeit und der Aufschrei, wenn sie bedroht wird; es wird auch in Verbindung mit Leuna als einem revolutionären Ort der Geschichte der Arbeiterbewegung gebracht. Wenn man auf den Regenwettermann trifft, wird man "froh davon, ja noch mehr".

Matusche wollte eine kommunistische Welt, die sich für ihn als eine poetische darstellte. Damit wurden nicht alle Funktionäre fertig. Matusche ließ das kalt. Er pflegte seine an das Stationenstück erinnernde Dramatik, die verschiedene Handlungen miteinander verschränkte, Milieuausschnitte kontrastiv setzte, ohne sich an dramaturgischen Gewöhnungen zu orientieren. "Die Dorfstraße", 1955 uraufgeführt am Deutschen Theater Berlin, war ein beeindruckendes Zeugnis, das erstmals am Schicksal von Umsiedlern und Flüchtlingen Matusches poetische Entwürfe vorführte. Die äußere dramatische Handlung, in diesem Stück zugespitzt bis zu furchtbarer Schuld, wird in aufregende, vom Gefühl gesteuerte innere Umbrüche verlegt. Gefühle und Schicksale konnten nie groß genug geraten.

Matusche war ein Dramatiker zwischen aristotelischer Tradition und Brechts Modernität. Seine Sprache wirkte spröde, sie gab sich als Suche nach dem präzisen Begriff für größtmögliche Zuspitzungen zu erkennen. Ende der sechziger Jahre hatte er sich durchgesetzt. Er fand Verbündete und Freunde, die treu zu ihm standen, aber er fand kein großes Publikum. Sein Entwurf schien so einfach und war doch so kompliziert. Zum Glücksfall wurde, wenn einer der Freunde auch die Pforten zu einer Bühne öffnete, wie es Peter Sodann tat. In jedem Gespräch mit ihm ist man nach wenigen Minuten bei Matusche. Und wenn Sodann unserer Gegenwart in seiner "Mai-Rede 1997" vorwarf, dass - obwohl es "heute vielen Menschen besser" gehe, ihnen "die Seelen zerstört werden von den neuen Verhältnissen", hat er nichts anderes getan, als eine Matusche-Erkenntnis auf das einige Deutschland anzuwenden. Matusche ging es um die menschlichen Seelen, eine Gesellschaft war nur so gut, wie die Seelen ihrer Menschen gut wurden oder sich Güte bewahrten.

Peter Sodann bereitete Matusche in Karl-Marx-Stadt, wo Matusche Ende der sechziger Jahre lebte, kurz vor seinem frühen Tod 1973 ein beglückendes Erlebnis: Er führte Matusches "Van Gogh" auf - 1978 wurde es die Grundlage für Rainer Kunads Oper "Vincent" - und spielte selbst die Titelrolle. Im gleichen Jahr bekam Matusche den Lessingpreis. Ein anderer dieser Verbündeten war der Dramatiker Armin Stolper, der auch Matusches Nachlass betreut. Er, Matusche in vielem ähnlich, schilderte ihn eindringlich: "Er kommt unangemeldet. Er liebt es nicht, Briefe zu schreiben oder das Telefon zu benutzen. Wenn er da ist, ist Unruhe im Haus. Hat man Zeit, bleibt er, hat man keine, geht er wieder." Der Soldat Gleß, zivil Telegrafenarbeiter, raucht "nur Pfeife ... um die Hände frei zu haben, auf dem Mast". Auch Matusche rauchte nur Pfeife. Als Brecht nach der Aufführung "Die Dorfstraße" sagte, es sei alles wahr, was er schreibe, antwortete Matusche: "Das habe ich eben alles so erlebt."

Zu seinen Lieblingsdichtern gehörten Büchner und Gerhart Hauptmann, O´Casey und Shakespeare, Kleist und der junge Goethe, Lenz - in Matusche sah mancher einen wiedererstandenen Lenz. In den spröden, oft karg erscheinenden Texten sind sich beide ähnlich. Er besuchte Johannes Schlaf und Hermann Hesse, Expressionistisches wirkte in seinen Stücken nach.

Sein Werk ist überschaubar: Reichlich ein Dutzend Stücke, darunter Hör- und Fernsehspiele, ein paar Gedichte, wenig Prosa. Vieles ist verschwunden, vor allem die Texte aus den 20er und 30er Jahren. Matusches Stücke fügen sich zu Zyklen. Der Theaterwissenschaftler Jochanan Ch. Trilse-Finkelstein konstatierte drei: "Der Regenwettermann" gehört mit "Lied meines Weges" - beispielhaft inszeniert 1969 in Karl-Marx-Stadt -, "Nacktes Gras" und "Die Dorfstraße" zu einem Themenkomplex, der von der faschistischen Machtergreifung bis zum Ende des verbrecherischen Krieges reicht.

In einer zweiten Gruppe, zu der "Unrast", "Welche, von den Frauen?", "Die Nacht der Linden" und "Die gleiche Strecke" gehört, ragt die faschistische Vergangenheit hinein und bestimmt die Haltung der Hauptfiguren. In der dritten Gruppe finden sich "Kap der Unruhe", "Prognose", "Das Kammerspiel" und "Van Gogh". In ihnen wird Kritik an der Gegenwart geübt, an Bescheidung und Ohnmacht, Versteinerung und Einsamkeit. "Rag aus Stein und Beton heraus" ist die Maxime des rastlosen Kranführers Kap der Unruhe. Matusche brach sie durch Bewegung und Rastlosigkeit, Güte und Liebe auf; das waren die Werte, an denen er den Menschen erkennen wollte.

In vielen Varianten steht in seinen Stücken die Frage, die sein Soldat Gleß, der Telegrafenarbeiter und ein Alter-Ego des Dichters, stellt: "Wann setzt es ein, dass man das Richtige tut?"

Rüdiger Bernhardt


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