unsere zeit - Zeitung der DKP30. Oktober 2009

Feuilleton

Das kommt mir chinesisch vor
Ein paar Gedanken zur Frankfurter Buchmesse

Wer auf Messen geht, kann was erleben - wenn er Glück hat. Und ich hatte Glück. Über die Messe schlendernd traf ich auf den Stand befreundeter Krimiverleger und während ich noch mit ihnen über dieses und jenes schluderte, tippte mich jemand von hinten auf die Schulter. Ich dreht mich um, blickte in eine Kamera, gewahrte ein Mikro vor dem Mund und einen kleinen Mann, der wie Oliver Pocher aussah, in Bauchnabelhöhe. "Was sagen Sie zu China" fragte der Zwerg. "China" antwortete ich. Sekundenlang konnte ich zu sehen, wie es im Fragegnom arbeitete. Dann setzte er unerbittlich nach: "Äh ... ich meine, was sagen Sie zu China". "Na, China ... wenn ich was anderes sage, stiftet das doch Verwirrung". Auch Mitarbeiter von privaten Fernsehanstalten begreifen irgendwann. Er zog ein säuerliches Gesicht und aus der Tasche Fragen hinsichtlich der Menschenrechte in China. Tibet war nicht dabei. Dabei hätte ich dazu so gerne etwas gesagt. Kurz vor der Messe las ich die Forderung irgendeines Vereins, man möge in Tibet doch die Menschenrechte wieder herstellen. Und frage ich mich immer: Was meinen die? Wollen die einen ordentlichen Maoismus wiederhaben oder fordern die doch eher die Wiedereinführung von Leibeigenschaft und Gottkönigtum. Meine Antworten haben dem kleinen Mann mit dem großen Mikro übrigens nicht gefallen - er zog in wadenbeißerischer Körperhaltung von dannen, während dem Kameramann die klammheimliche Freude über diesen Zusammenstoß anzusehen war.

Aber nicht nur schöne Erlebnisse hat man, sondern auch blöde. Bei der Diskussion um Robert Steigerwald zum Beispiel stellte sich die relative Enge der Gänge als blöde heraus. Bei den ersten, sagen wir mal, drei Sätzen war noch Luft im Gang. Dann bildeten sich Trauben links und rechts um den "Roten Teppich". Das ist der Gemeinschaftsstand von u. a. VSA, Pahl-Rugenstein, Dietz-Berlin und dem Verlag Kulturmaschine. Leute blieben stehen, die nicht so aussahen, als wären sie kommunistischen Ideen nahe, und sie nickten. Tuschelten hier und da. Eine Diskussion entstand.

Das war ein gelungener organischer Einstieg für die drei Bände Robert Steigerwald, die die Kulturmaschinen ab Dezember herausbringen.

Ansonsten sind Literaturmessen, wie andere Messen auch: Anstrengend, aber lehrreich. Die großen, insbesondere die multinationalen Medienkonzerne - z. B. Random-House - beherrschen die Szenerie. Die vielen, vielen kleinen Verlage in ihren vier, acht oder zwölf Quadratmeter großen Ständen gehen zwar nicht unter, aber wirken wie Schaumkronen auf hohen Wellen. Die großen kaufen Bücher und -rechte. Ihr habt es schon vermutet, nicht wegen der Inhalte, sondern wegen der Absatzmöglichkeiten. Da werden schon mal die Rechte für Bücher von Bestsellerautoren erworben, ohne überhaupt eine Zeile gelesen zu haben. Verkauft werden die Schinken dann sowieso.

Über den Namen, nicht über den immateriellen Wert, also den Inhalt.

Kleine Verlage, auch das habt ihr vermutlich schon vermutet, haben es sowie schwer. Sie kommen kaum in die großen Buchhandelsketten, von denen einige übrigens mehr oder weniger direkt der Deutschen Bischofskonferenz, also der katholischen Kirche gehören. Na, dann Amen. Und in die kleinen, freien Buchhandlungen zu kommen, ist auch nicht einfach: Die haben wenig Platz, einen immer schlechter werdenden Umsatz -wegen der fiesen Konkurrenz - und müssen in erster Linie das verkaufen, was sich auch verkauft. Wenn ihr also ein Buch erwerben wollt, so tut das nicht im Internet bei den Großen und nicht im Kettengeschäft. Holt es euch von den Verlagswebseiten oder im kleinen Buchhandel. Ein oder zwei Tage länger mag das dauern. Aber es hilft die Vielfalt zu erhalten.

Leander Sukov


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