unsere zeit - Zeitung der DKP12. Februar 2010

Feuilleton

Schriftsteller im Sozialismus,
IM aus Überzeugung

Erich-Köhler-Reihe im Kulturmaschinen-Verlag

Es gilt zu berichten, von einem der auszog, keine Angst zu haben, zu lernen, von einem, der die Wörter beherrschte wie nur wenige und der in der Lage war, aufzuschreiben, was gewesen ist und was werden soll, ohne jede Langeweile. Es gilt von Erich Köhler zu berichten. Erich Köhler gilt vielen als Querkopf, als gutmütiger Querulant, gilt als ein Kommunist, der es auch den Genossinnen und Genossen nie leicht gemacht hat. Nett gemeint sein mag die Zuschreibung dieser Eigenschaften und ist doch im Grunde diskreditierend. Denn Köhler war, was ein ordentlicher Kommunist nicht nur seiner Meinung nach sein muss: Kritisch, der Zukunft zugewandt, und zwar ohne die Vergangenheit zu vergessen. Dass er sich deshalb in der Gegenwart nicht ausruhen konnte, dass er Missstände benennen musste, nicht zwanghaft, sondern notwendigermaßen, war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Dass er dabei aneckte und auch in der DDR zehn und mehr Jahre auf Veröffentlichungen warten musste - das nahm er hin. Allerdings nicht gleichmütig, sondern durchaus ärgerlich.

Erich Köhler wurde 1928 als Arbeiterkind in Karlsbad geboren. Nach dem Abschluss der Volksschule versuchte er sich in verschiedenen Lehrberufen, jedoch ohne Erfolg. 1946 übersiedelte er in die damalige sowjetische Besatzungszone und arbeitete in Landwirtschaft und Industrie. Es folgte eine Wanderung durch Westdeutschland; sein Versuch in die Fremdenlegion aufgenommen zu werden scheiterte, 1950 kehrte er in die DDR zurück. Er wurde Mitglied von FDJ und Freiem Deutschen Gewerkschaftsbund, auch der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaftsgesellschaft trat er bei. Bis 1954 arbeitete er bei der Wismut untertage. Köhler, wissens- und bildungshungrig studierte in der Folge an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Leipzig, ging aber nach dem Studium als Arbeiter in die Landwirtschaft zurück. Erst 1958 nahm er wieder ein Studium auf, diesmal am Literaturinstitut Johannes R. Becher. Nach dem Studium, er war inzwischen Mitglied der SED geworden, arbeitete er wiederum in der Landwirtschaft und erst zwei Jahre nach dem Literaturstudium wurde er freier Schriftsteller.

Köhler allerdings war der Meinung, der Schriftsteller im Sozialismus solle sich integrieren in die Arbeit der Werktätigen. Und so war er über viele Jahre angestellter Schriftsteller: Beim Kraftwerk in Lübbenau, später beim VEG Radensdorf.

Er hat uns eine große Menge - zum Teil noch unveröffentlichte - Literatur hinterlassen. Sein Wirken in die Sprache und mit ihr hat anderen Autoren einen neuen Blick auf die Möglichkeiten eröffnet, welche Sprache in der Klassenauseinandersetzung leisten kann. Er schreibt kurzweilig, aber sprachgewaltig, brutal und feinfühlig - und er schreibt sich in das Herz seiner Leser. Der große Kinderbuchautor der DDR, Peter Abraham, erinnert sich, wie aufgeregt man im Verlag war, als das erste Manuskript des noch unbekannten Erich Köhler einging. Sofort machte sich der Cheflektor auf den Weg nach Klein-Zauche. Klein-Zauche liegt nicht um die Ecke. Es ist ein kleines Dorf im Spreewald und ganz hinten, direkt am Wald, findet sich das Erich-Köhler-Haus. "Hinter den Bergen" wurde sein am meisten beachtetes Werk. Ganz ohne Frage war die Beachtung zu Recht so hoch. Selbst im Westen wurde das Buch des bekennenden Kommunisten zu einem Bestseller. Andere Werke hatten dieses Glück nicht. "Sture und das deutsche Herz", seine sprachgewaltige Trollreise durch die mörderischen Jahrhunderte Europas, konnte die Beachtung nicht finden, die ihm eigentlich gehörte. Es wurde 1989 fertig gestellt, im Frühjahr, und erlitt das Schicksal vieler DDR-Romane. Kaum war es aus dem Druck, wurde es auf die Müllhalden geschüttet. Nein, nicht in übertragenem, sondern im Wortsinn. Die gesamte Ausgabe wurde auf den Müll geworfen. In den Buchläden musste Platz für die Westliteratur geschaffen werden. Ein paar Bände vermachte Erich Köhler dem Pfarrer Weskott, auf den wir noch zu sprechen kommen. Damit das Werk nicht untergeht, ist es im vorigen Jahr im Kulturmaschinen-Verlag neu erschienen und bildet dort den Beginn einer Erich-Köhler-Reihe.

Köhler war Informeller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Er hat keinen Hehl daraus gemacht. Er wollte sich nicht einmal entschuldigen. Er war IM aus Überzeugung: Er wollte den Sozialismus schützen und zugleich wollte er nicht denunzieren. Keine persönliche Denunziation ist von ihm bekannt. Er lieferte Stimmungsbilder, er setzte sich für Autoren ein, deren Ansehen geschädigt war. Deshalb war Abbitte zu leisten nicht seine Sache. Das deutsche PEN-Zentrum sah die Sache anders. Pfarrer Weskott, dem ohne Frage das Verdienst zu fällt, Bücher vom Müll gerettet zu haben, schwang sich auf zum Ankläger gegen Köhler auf und er wurde von der Mehrheit des PEN-Mitglieder unterstützt. Ein kleines Häuflein war gegen den geforderten Ausschluss. Zu wenige allemal und die Wenigen taten nicht genug, um eine breite Öffentlichkeit herzustellen. Verwunden hat Köhler nie, dass man ihn aus dem PEN geworfen hat. Vielleicht nicht wegen des Rauswurfes selbst, sondern weil er hätte bleiben können, wenn er gelogen hätte und zu Kreuze gekrochen wäre.

Erich Köhler starb im Jahre 2003. Aber natürlich ist er nicht tot. Er lebt in seinen Büchern weiter, die nun Stück für Stück wieder veröffentlicht werden, damit ein großer deutscher Autor nicht vergessen wird. Und wenn Ihr an den grauen Abenden des Winters und in den lauen Nächten in Frühling und Sommer im Sessel sitzt: Dann lest Erich Köhler. Er verspricht nicht nur spannende Abende - er hält sein Versprechen auch.

Das Erich-Köhler-Haus kann übrigens besichtigt werden und seine Witwe, Genossin auch sie, freut sich über den Besuch. Es findet sich in Alt Zauche, Siedlungsstraße 17, direkt im Wald.

Leander Sukov


Die Bücher "Sture und das deutsche Herz" und "Radauer - oder Aufstieg und Fall von Politanien" gibt es im Buchhandel und natürlich bei Neue Impulse (www.neue-impulse-verlag.de)


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