unsere zeit - Zeitung der DKP7. Mai 2010

Feuilleton

In Memoriam Carlo Schellemann

Wir trauern um Carlo Schellemann, der 85-jährig am 22. April gestorben ist. Ein Genosse ist von uns gegangen, der seine ganze Persönlichkeit, vornehmlich seine Arbeit als Maler und Grafiker, der Aufgabe widmete, mit engagierter realistischer Kunst für Humanismus, für gesellschaftlichen Fortschritt zu wirken. Was von ihm bleibt, ist die Erinnerung an eine starke Künstlerpersönlichkeit, ist ein großartiges künstlerisches Werk, das unverlierbar seinen würdigen Platz im progressiven Erbe haben wird.

Ob Zyklen zu historischen Themen, wie zu Lenins "Staat und Revolution", ob die Zeichnungen zu Texten von Heine und Goethe, ob die wunderbaren Landschaften, die Porträts ihm freundschaftlich verbundener Menschen wie das von Marianne und Richard Scheringer, oder von Arbeitsleuten aus seiner niederbayerischen Wahlheimat - in allem ist nicht das bloße Abbild Ziel der Kunst, sondern die Anregung der Phantasie und des Nachdenkens des Betrachters, damit er zum vertieften Wissen über die Wirklichkeit gelangt. Dafür hat sich Carlo auch direkt politisch in die Zeit eingemischt. Als im März 1958 der Bundestag die atomare Ausrüstung der Bundeswehr beschloss, ergriff er die Initiative zu einer Ausstellung "Künstler gegen Atomkrieg". Viele bekannte Maler und Grafiker stellten Arbeiten zur Verfügung, wie Otto Pankok, Karl Hubbuch, Lea Grundig, A. Paul Weber, Frans Masereel u. a. Jüngere Künstler, wie Carlo selbst, schufen eigens Blätter zum Ausstellungsthema. Die Ausstellung wurde im Oktober 1958 in München eröffnet, wurde dann bis 1963 in über 40 Städten und Gemeinden gezeigt und findet große Resonanz.

Auf der Seite der Künstler führte die Ausstellung zur Gründung der Gruppe "tendenz" und zur Kunstzeitschrift "tendenzen - Blätter für engagierte Kunst"; die Initiatoren sind Richard Hiepe und Carlo Schellemann. Die Zeitschrift, die sich zur renomierten Alternative im offiziellen Kunstbetrieb entwickelt, erschien bis 1989, Carlo war ihr Chefredakteur von 1972 bis 1976. Eine wichtige Arbeit unter vielen war sein Zyklus "Stationen Vietnams" mit Texten von Martin Walser. Carlo war maßgeblich beteiligt an der Organisierung von Ausstellungen progressiver Kunst der BRD 1966 und 1976 in Städten der DDR. Er selbst hatte zahlreiche Ausstellungen in der BRD und europäischen Ländern.

Vor zehn Jahren erlitt er einen bösen Schlag gegen seine Gesundheit, von dem er sich nur schwer erholte. Gewiss war es ihm da eine Genugtuung, dass die Ausstellung gegen den Atomtod aus den 60er Jahren eine Erneuerung erfährt, indem eine kleine Gruppe Engagierter um Hans Wallner aus Regensburg noch vorhandene Bilder der damaligen Sammlung, vereint mit weiteren Arbeiten, zusammenführt und der Öffentlichkeit präsentiert. Carlo selbst hat in den letzten Jahren trotz seiner schwierigen Erkrankung die künstlerische Arbeit nicht aufgegeben und viele wunderbare Bilder geschaffen, wovon sich Besucher des Kunstmarkts auf den UZ-Pressefesten in Dortmund überzeugen konnten.

Dem toten Freund und Genossen gebührt unser ehrendes Angedenken. Unser Mitgefühl gilt seiner Gudrun und der Familie.

Gerd Deumlich


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