unsere zeit - Zeitung der DKP25. Juni 2010

Feuilleton

Machen wir aus der
Kunsthalle Rostock ein Autohaus!

Doch die zeigt jetzt lieber Kunst aus der DDR - Von Julia Sastra

Die Ausstellung beginnt bereits vor der Kunsthalle. Dort steht Fritz Cremers "Der Aufsteigende". Unsicher balanciert die lebensgroße Figur auf unebenem Podest, greift mit einem Arm gen Himmel, hält den anderen eng am Körper, und man weiß nicht: wird sie gleich aufrecht stehen - oder stürzen.

Dieses Sinnbild des sich selbst befreienden Menschen ist eine der wichtigsten Bildhauerarbeiten der DDR. 1969 entstanden, zeigt Cremer: Unsere Befreiung müssen wir mühsam selbst erkämpfen. 1969 eröffnete auch die Rostocker Kunsthalle, die den Erstguss der Skulptur erhielt. Seit 1972 steht er vor der UNO in New York. Rostock, so die Kuratorin Heike Heilmann, besitzt seitdem den Zweitguss.

Die Rostocker Kunsthalle - der einzige DDR-Museumsneubau für zeitgenössische Kunst - beherbergt eine umfangreiche eigene Sammlung, die vor allem zwischen 1969 und 1989 aufgebaut wurde. Sie umfasst etwa 600 Gemälde, 6 000 Arbeiten auf Papier und 200 Skulpturen. Darunter Bilder regionaler Künstler wie Otto Niemeyer-Holstein und Oskar Manigk sowie Arbeiten von Erich Gerlach, Arno Rink, Wolfgang Mattheuer, Max Uhlig, Walter Libuda, und, - dank der vom Gründungsdirektor Horst Zimmermann initiierten Ostseebiennale - Werke skandinavischer und bundesdeutscher Künstler. "Allein der Bestand an Grieshaber-Arbeiten", so Heike Heilmann, "würde eine eigene Ausstellung ermöglichen". Jetzt steht jedoch erst einmal die seit 20 Jahren verbannte Kunst aus der DDR im Mittelpunkt. Noch unter DDR-Leitung, erzählt der neue Direktor Jörg-Uwe Neumann, "verschwand sie zum großen Teil im Depot, wurde teilweise sogar zurückgegeben an die Künstler".

Seitdem ging es mit der Kunsthalle bergab: 1992/93 strich die Bürgerschaft den Ausstellungsetat und forderte die Schließung des Hauses. In den folgenden Jahren, so Wolf Karge vom Museumsbund Mecklenburg-Vorpommern, "gab es die wirresten Ansätze" für ihre Nutzung. Man wollte "einen Supermarkt daraus machen, ein Autohaus und so weiter". Derweil sanken die BesucherInnenzahlen rapide. In DDR-Zeiten kamen bis zu 180 000 BesucherInnen pro Jahr, der Tiefpunkt nach der "Wende" lag bei 6 000. 2006 forderten CDU und SPD erneut die Schließung des Hauses - und schufen Fakten: Sie strichen die Direktorenstelle, die Kunsthalle wurde kommissarisch vom Kulturhistorischen Museum verwaltet. "Das war für uns die Idee, aufzustehen und zu sagen: ´Nein, das kann nicht sein! Das Haus darf nicht geschlossen werden!´", erinnert sich Neumann. Und so leitet seit März 2009 ein privater Betreiberverein das Haus. Dessen Vorsitzender ist der Zahnarzt und Bauspekulant Jörg-Uwe Neumann. Die Stadt zahlt Betriebskosten und Personal - Neumann besitzt das Weisungsrecht und vollkommene inhaltliche Freiheit. Ein unglaublicher und unglaublich leichtfertiger Deal. Als käme es bei der Leitung und inhaltlichen Ausrichtung eines Museums nicht auf Fachkenntnisse an, bei der Programmgestaltung und seiner Umsetzung nicht auf umfangreiches kunsthistorisches Wissen, aus dem neue Fragen entstehen, Ideen und Konzepte, als bräuchte man keine Kontakte zu anderen Häusern.

Immerhin wurde die seit 20 Jahren vernachlässigte Kunsthalle gerade aufwändig saniert. Auch überdachte man den Innenhof, in dem nun Bildhauerarbeiten u. a. von Werner Stötzer, Sabina Grzimek, Wieland Förster und Jo Jastram präsentiert werden. Und: Der gebürtige Rostocker Neumann will an die Idee des Gründungsdirektors Horst Zimmermann anknüpfen: "Eine Ausrichtung auf Nordeuropa, flankiert durch Sammlungsausstellungen". Letzteres natürlich auch, weil für anderes das Geld fehlt.

Allerdings eröffnete Neumann seine Amtszeit mit dem "Werk" des Modemachers Wolfgang Joop. Aktuell läuft eine A.R.-Penck-Ausstellung, dessen beliebig interpretierbare archaische Strichmännchenwelten bürgerliche Kunstkritiker gern als schwer subversiv interpretieren. Gleichzeitig aber begann tatsächlich eine Sammlungsausstellung. Und was die Kuratorin Heike Heilmann - im Schlepptau den aus Berlin eingekauften, durch keinerlei Fachwissen beschwerten Kurator Detlev Waitz ("Unglaublich, wie viele KünstlerInnen es in der DDR gab!") - dort zeigt, hat nichts zu tun mit den despektierlichen "Entlarvungsaktionen", mit denen Ausstellungsmacher seit 20 Jahren die Vorstellung von "DDR-Kunst" als platte politische Propaganda festschreiben wollen.

Die Kuratoren ordneten die knapp 100 Arbeiten grob nach Themen, etwa "Umwelt", "Deutschland", "Demonstrationsbilder", "Stillleben", "Porträts". An einer Wand hängen beispielsweise Werke von Willi Sitte, Werner Tübke, Volker Stelzmann und dem Dänen Carl Falbe Hansen, die deutsche Geschichte thematisieren: Anlässlich der Verabschiedung der bundesrepublikanischen Notstandsgesetze malte Sitte seinen "Notstandsritter", einen tief gebeugten nackten Mann, der droht, unter einer fetten Justizia zusammenzubrechen. Carl Falbe Hansen entwirft das Bild eines weißen Herrenmenschen, der auf einem Farbigen hockt, derweil sein Kopf in die Freiheitsstatue übergeht. Tübke erinnert mit seinem Blick in den Bauernkrieg daran, dass Menschen sich gegen ihre Unterdrückung wehren können: Seine "Verspottung des Ablasshändlers" zeigt einen an einem Baum aufgeknüpften feisten Pfaffen, darunter versammelt einige Männer und Frauen aus dem Volk. Während die Herrschenden den Bauernkrieg blutig niederschlugen, präsentiert Volker Stelzmann 1971 mit seinem "Jungen Schweißer" einen drallen, selbstbewussten Kerl, der nun wirklich in einer neuen Gesellschaft lebt und bereit ist, sie nach Kräften mitzugestalten.

Gleichzeitig führt die Auswahl vor, was Besserwessis gern leugnen: Ob die Blicke auf "Deutschland", die farbig-expressiven Porträts im Stil der Dresdner Schule, die Simultanmalerei Sittes, die Landschaften, Stadt- oder Demonstrationsbilder mit Anklängen an Neue Sachlichkeit oder Kubismus, oder der altmeisterliche Stil Tübkes: Bei allem Anspruch der Künstler, mit ihrer Arbeit Stellung zu beziehen zur Wirklichkeit, entwickelten sie dafür vielfältige, künstlerische Ausdrucksmittel.


Kunsthalle Rostock, bis 29. 8. 2010. Freier Eintritt in die Sammlungsausstellung


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