unsere zeit - Zeitung der DKP9. Juli 2010

Hintergrund

Kulturkampf in der Kulturhauptstadt
In Essen erinnern rote Fahnen der Arbeiterklasse
an die Abwehr des Kapp-Putsches vor 90 Jahren

Seit einigen Wochen wehen rote Fahnen am Wasserturm an der Steeler Straße in Essen. Dabei handelt es sich nicht - wie ja vermutet werden könnte - um eine Aktion der DKP, sondern um ein Projekt im Rahmen der "Kulturhauptstadt 2010" mit dem Titel "B1/A40 - Die Schönheit der großen Straße". Die "große Straße" ist dabei der "Ruhrschnellweg", eine der meistbefahrenen Verkehrsachsen des Ruhrgebietes. In diesem Projekt stellen unterschiedliche Künstler Baudenkmäler und Kunstobjekte an dieser Verkehrsader heraus. Der Hamburger Künstler Christoph Schäfer erinnert mit der Dekoration des Wasserturms an die "Rote Ruhr Armee", die am Wasserturm im Jahr 1920 eine Schlacht mit der Einwohnerwehr und der Sicherheitspolizei führte und auch an die Geschichte der Arbeiterbewegung im Ruhrgebiet.

"Normalerweise werden in Städten Herrschaftsarchitekturen angestrahlt. Meine Arbeit taucht den Wasserturm in der Steeler Straße in rotes Licht, um die mit diesem Ort verknüpfte und verdrängte Geschichte dem Vergessen zu entreißen. Parallel dazu werde ich mit den Anliegern Texte erarbeiten, die sich um folgende Fragen drehen könnten: Was bedeutet Internationalismus heute? Wie sieht es mit der sozialen Frage aus? Ist eine Revolution heute noch denkbar? Sind Migranten die Avantgarde von heute?", äußert sich der Künstler auf der Internetseite des Kurators.

Geschichtsverfälschung mit Tradition

"´Rote Armee´ im Ruhrgebiet - fragt man heute Bewohner des Ruhrgebietes nach jenem aufregenden Geschehen des Jahres 1920, so erhält man von jenen, die etwas gehört haben oder sogar Augenzeugen waren, in der Regel Antworten, die die Wirklichkeit geradezu auf den Kopf stellen. Man mache einen Test und frage nach dem Kampf um den Essener Wasserturm, so wird man fast immer die Geschichte zu hören bekommen, wie die ´Roten´ einige Dutzend brave Polizisten und Essener Bürger ´viehisch abgeschlachtet´ haben." So beginnt die Einleitung des von Eberhard Lucas 1970 verfassten Standardwerks "Märzrevolution 1920".

Was ist denn in diesem März 1920 geschehen, dass sich Geschichtsklitterer aller Couleur immer wieder veranlasst sehen, historische Wahrheiten umzubiegen?

Begnügen wir uns anfänglich mit einer kurzen Darstellung von Wikipedia: "Der Kapp-Lüttwitz-Putsch oder Kapp-Putsch vom 13. März 1920 war ein nach fünf Tagen gescheiterter, rechtsgerichteter Putsch gegen die Weimarer Republik, der von Wolfgang Kapp und Walther von Lüttwitz mit Unterstützung von Erich Ludendorff angeführt wurde. Er brachte Deutschland an den Rand eines Bürgerkrieges und zwang die Reichsregierung zur eintägigen Flucht nach Dresden und für vier Tage nach Stuttgart. Die meisten Putschisten waren aktive oder ehemalige Angehörige des deutschen Heeres, insbesondere der Marine-Brigade Ehrhardt aus Döberitz sowie Mitgliedern der Deutschnationalen Volkspartei." Die deutsche Arbeiterklasse kämpfte weitgehend geschlossen gegen die Putschisten, zwang sie mit einem Generalstreik zum Rücktritt. Darüber hinaus bildete sie u. a. im Ruhrgebiet bewaffnete Verbände, um den reaktionären Einheiten entgegentreten zu können. Auf die Reichswehr war hinsichtlich der Verteidigung der Republik kein Verlass, bestenfalls hatte sich die Reichswehr neutral gegenüber den rechten Putschisten verhalten.

In diesen dramatischen Tagen war auch die Stadt Essen in der Hand der arbeitenden Menschen. Die mit dem Putsch sympathisierenden bewaffneten Kräfte, Einwohnerwehr und Sicherheitspolizei, waren zurückgedrängt, hielten in Essen nur noch den Wasserturm an der Steeler Straße.

46 Mann hatten sich am 19. März dort verschanzt, von den bewaffneten Arbeiterwehren belagert. Gegen 17.00 Uhr wurde aus einem Parterrefenster eine weiße Fahne gehisst, das Zeichen der Kapitulation. Die Arbeiter näherten sich langsam dem Turm, als plötzlich aus dem ersten Stock die Belagerten Handgranaten auf sie warfen und mit einem Maschinengewehr das Feuer eröffneten.

Daraufhin führten die Arbeiter Sturmangriffe auf das Gebäude durch, der dritte war erfolgreich und überwand die Rechten.

Nun wurde nicht - was ja durchaus verständlich gewesen wäre - "kurzer Prozess" gemacht. Die übergroße Mehrheit der Arbeiter war ja in den Weltkrieg gezwungen worden, der Missbrauch einer weißen Fahne im Krieg hätte zweifelsfrei diese Folge gehabt.

An diesem Kampftag starben neun Leute der Besatzung, zwei später an ihren Verwundungen. In einem späteren Prozess sagten Zeugen aus, dass Gefangene mit Gewehrkolben geschlagen worden sind, aber auch, dass andere Arbeiter die Gefangenen schützten. Auch aus diesem Grund ist die Legende von einem "roten Terror" nicht haltbar.

"Das waren ja keine Nazis"

Für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung in Essen ist dieses Kunstprojekt eine Provokation. Als positives Erinnern an die "Rote Ruhr Armee" macht sie in ihrer Ausgabe vom 22. Juni aus, es seien Fahnen "einer totalitären politischen Bewegung gehisst worden, die eine lange Blutspur vorzuweisen hat". Und zu der Besatzung des Wasserturms: "Nein, es waren keine Nationalsozialisten, die den Wasserturm damals gegen die Einheiten der "Roten Ruhr Armee" verteidigten. Es waren Polizisten und Mitglieder der so genannten Einwohnerwehr, national und vielfach antidemokratisch gesinnt, das gewiss, aber keine Nazis. Wir schreiben schließlich erst das Jahr 1920." Folgt man dieser Logik, dann müsste es spätestens im Jahr 1932 begonnen haben, Nazis zu regnen, denn irgendwoher müssen diese ja schließlich gekommen sein. Zudem hätten sie 1945 auch wieder versickern müssen.

Die Nazis waren 1920 schon da: In den putschenden Freikorps, in den Einwohnerwehren. und in den Verbänden der Sicherheitspolizei (SiPo), die keinesfalls mit einer demokratischen, der Republik verpflichteten Truppe zu verwechseln ist.

Diese Sicherheitspolizei wurde als Bürgerkriegsarmee gegen die Arbeiterbewegung konzipiert. 1919 wurde sie in Berlin gegründet, ausgerüstet mit Panzern, Flammenwerfern und Flugzeugen, um den "inneren Feind" zu bekämpfen. Bedingung für die Aufnahme war "Fronterfahrung". Ganze Einheiten der rechtsradikalen Freikorps wurden komplett rekrutiert.

Der Kommandeur der Berliner SiPo, Oberst Milchling von Schönstedt, erklärte in einem Tagesbefehl vom 13. März, dass die Sicherheitspolizei hinter der neuen, also der Putsch-Regierung stünde.

Eine typische Karriere der Führungskräfte der Sicherheitspolizei ist die des Polizeihauptmannes Walther Stinnes. Der Weltkriegsoffizier führte nach dem Krieg das Freikops Hacketau in Westfalen. 1919 wurde er Chef der Berliner "Hundertschaft z. b. V." der SiPo und stellte sich später unverhohlen hinter die Kapp-Putschisten. Als Oberster SA-Führer Ost erlangte er bei den Nazis eine bemerkenswerte Bedeutung.

Diese Karriere ist beispielhaft. Es ist augenfällig, wie viele Nazikarrieren aus der Sipo hervorgegangen sind. Die Mörder tausender Kommunistinnen und Kommunisten und anderer Mitglieder der Arbeiterorganisationen haben ihr Handwerk in dieser Sicherheitspolizei gelernt, darunter die Mörder von Ernst Thälmann und Albert Funk. Sie bildeten einen Kern der Henker und Folterknechte in den Gestapo-Höllen und Konzentrationslagern und trugen später in Form der "Polizeibataillone" den faschistischen Terror in die überfallenen Länder. Wenn das keine Nazis waren - wer ist denn dann einer?

Werner Sarbok

Foto: deym@nn


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