unsere zeit - Zeitung der DKP13. August 2010

Interview

Homophobie ist gegen
die Prinzipien der Revolution

Ein Gespräch mit Dr. Alberto Roque Guerra, Mitarbeiter des kubanischen Nationalzentrums für sexuelle Aufklärung (CENESEX)

UZ: Der Sozialismus ist eine Gesellschaft, in der von Anfang an klar ist, dass Frauen und Männer gleiche Rechte besitzen. In der DDR wurde relativ früh damit begonnen, Sexualaufklärung auch bei Kindern und Jugendlichen durchzuführen. Homosexualität war aber lange kein Thema oder wurde nur sehr verschämt diskutiert. Anfangs gab es noch einen Strafrechtsparagraphen, der Homosexualität unter Strafe stellte. Der wurde aber in der DDR relativ früh abgeschafft, lange vor der Bundesrepublik.

Von Sexualforschern, von marxistischen Philosophen wurde relativ früh die Frage nach dem sozialistischen Menschenbild aufgeworfen. Wie geht eine sozialistische Gesellschaft mit der Tatsache um, dass es Menschen gibt, die eine andere sexuelle Orientierung haben als die, die traditionell als Norm gilt? Wie ging und geht Kuba damit um?

Alberto Roque: Es handelt sich bei der Behandlung des Themas Homosexualität in Kuba natürlich um einen Prozess. Als sich die kubanische Nation am Ende des 19. Jahrhunderts herauszubilden begann, trafen Elemente der spanisch geprägten und der afrikanisch geprägten Kultur aufeinander und vermischten sich. Natürlich gab es auch andere Einflüsse, aber diese beiden waren die wichtigsten. Alle diese Einflüsse waren von Männern dominiert, ein Patriot zu sein hieß, ein Mann zu sein. Der Einfluss des Christentums und der afrikanischen Rituale legitimierte die Macht der Männer. In der Zeit der Republik von 1902 bis 1959 gab es da keine wesentlichen Veränderungen.

Eine Frau zu sein oder schwul oder lesbisch oder transgender bedeutete immer auch, diese Vorherrschaft des Mannes in Frage zu stellen. Leider wird die Vergangenheit oft vergessen, wenn man über das Kuba der Gegenwart spricht.

Der Sieg der Revolution 1959 bedeutete eine Veränderung in der sozialen und politischen Haltung nicht nur in Kuba, sondern auf dem ganzen amerikanischen Kontinent, vor allem in Lateinamerika und der Karibik. Man begann, konkrete Rechte der Frauen anzuerkennen, gesellschaftliche Prozesse, aber auch juristische Festlegungen gaben Frauen die Gelegenheit, ein Teil des Prozesses der Schaffung einer neuen Gesellschaft zu werden. Die Gleichberechtigung zu erkämpfen war und ist ein mühsamer Prozess.

Mit der Homosexualität tat sich die Gesellschaft noch schwerer, waren die Veränderungen nicht so positiv. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Vorstellung vom starken Mann sehr stark verankert ist. Die Medizin stufte die Homosexualität als Geisteskrankheit ein und vor der Revolution wurde Revolution sie bestraft. Nach den ersten Angriffen der USA auf die Revolution haben wir viele Prinzipien von den kommunistischen Parteien Europas übernommen. Obwohl in der Sowjetunion nach Stalin viele Fehler korrigiert wurden, wurde das Thema Homosexualität mit großer Ablehnung betrachtet. Daraus ergab sich die Politik gegenüber Homosexuellen. Zum Beispiel wurden als homosexuell bekannte Hochschullehrer von den Universitäten entlassen. Homosexuelle wurden zusammen mit Arbeitsscheuen in militärähnliche Arbeitseinheiten zusammengefasst. Obwohl sie dort die Minderheit darstellten, wird heute von diesen Einheiten nur im Zusammenhang mit Homosexuellen gesprochen.

UZ: In den bürgerlichen Medien werden diese Einheiten als "Straflager" bezeichnet.

Alberto Roque: Das galt nicht als Strafe, auch wenn Druck ausgeübt wurde, in diese Einheiten zu gehen. Und es darf auf keinen Fall mit den Arbeitslagern der Stalin-Ära gleichgesetzt werden.

In dieser Zeit, in den 60er Jahren, war es in Kuba üblich, dass Gruppen der Gesellschaft aufs Land mobilisiert wurden, um die Produktion zu unterstützen, zum Beispiel Schüler und Studenten für die Zuckerrohrernte. Oder Jugendliche wurden militärisch trainiert für die Verteidigung. Auch Militäreinheiten gingen ja zur Zuckerrohrernte. Diese Einheiten, in denen Homosexuelle waren, gab es nur zwischen 1966 und 1968. Dann wurden sie abgeschafft, weil das nicht Teil und sogar weit weg von den Prinzipien unserer Gesellschaft war. Und auch weit weg von dem Ziel, wozu diese Einheiten gegründet wurden. 1979 wurde die Homosexualität aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Dass sie bis dahin strafbar war, stammte noch aus dem spanischen Zivilgesetzbuch, das öffentliches homosexuelles Verhalten illegalisierte.

UZ: Wann begann das Umdenken?

Alberto Roque: Ende der 70er Jahre wurde das Nationalprogramm für sexuelle Aufklärung gestartet. und durchgeführt. Das geschah auf Vorschlag von Vilma Espín und der Frauenorganisation "Federación de Mujeres Cubanas". 1976 wurde die erste sozialistische Verfassung Kubas angenommen. Und zu dieser Zeit hat Vilma Espín schon vorgeschlagen, dass eine Ehe oder besser eine Lebenspartnerschaft die Einheit von zwei Menschen sein sollte, ohne über das Geschlecht zu sprechen. Natürlich wurde damals dieser Vorschlag nicht angenommen. Es gab zu viele Machos, die dagegen waren.

Wir haben in den 1970er Jahren mit Hilfe der DDR und anderen sozialistischen Staaten einen Referenzpunkt in diesen Fragen gesucht, und zusammen mit der Gründung der Nationalgruppe für sexuelle Aufklärung, das war 1972, wurde dann das Nationalprogramm für sexuelle Aufklärung erarbeitet. Und in den 80er Jahren wurde dieses Programm wirksam, obwohl die sexuelle Aufklärung vor allem in den Schulen nur mit biologischen Konzepten zu tun hat. Und 1989 wurde das Nationale Zentrum für sexuelle Aufklärung gegründet, das Cenesex. Das ist eine Gruppe von Fachleuten, die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Sexualität betreiben und auch der Betreuung und der Versorgung von Menschen, die eine Hilfe in dieser Hinsicht brauchten. Und die Ergebnisse dieser Forschungen werden in die Gesellschaft übergeführt.

2003 war Kuba Gastgeber des Weltkongresses der Sexualwissenschaften. Kurz danach erhielt Cenesex Beschwerden Transsexueller wegen ständiger Belästigung durch Angehörige der Polizei. Nach diesen Beschwerden der Transsexuellen hat Cenesex begonnen, sich des Themas der sexuellen Vielfalt anzunehmen. 2004 wurde eine Gruppe gegründet, die sich mit der Situation lesbischer Frauen befasst, sie heißt Bolemi. Das ist in einer afrikanischen Sprache das Wort für "Freundin". Diese Gruppe ist Mitglied des Internationalen Verbands für Lesben, Schwule und Transsexuelle (ILGA).

UZ: Also gab es immer noch Repression durch staatliche Organe, auch wenn es keine Rechtsgrundlage mehr dafür gab?

Alberto Roque: Man begann aus der Sicht der Menschenrechte zu betrachten und neben der Ausbildung und der Forschung begann Cenesex sich für die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten einzusetzen. Seit 2007 haben wir die Kampagne gegen Homophobie begonnen. In vielen Ländern wird daran gearbeitet, die Probleme sexueller Minderheiten an die Öffentlichkeit zu bringen. Das ist respektabel. Wir beginnen Schritt für Schritt, ganz vorsichtig, und lenken die Aufmerksamkeit auf die Homophobie. Wir sagen, das Problem ist nicht die Homosexualität, sondern die Homophobie. Seit drei Jahren führen wir alljährlich einen Tag der Schwulen, Lesben und Transgender durch, ein Fest. Im kommenden Jahr wird im Mai der Internationale Tag gegen Homophobie in Havanna durchgeführt.

Wir setzen uns auch für rechtliche Veränderungen ein. Es gibt kein Gesetz mehr gegen uns, aber wir sind auch nicht innerhalb der Gesetze. Juristisch existieren wir nicht. Natürlich haben Homosexuelle in Kuba dieselben Bürgerrechte wie alle. Aber unser Recht in Bezug auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität wird nicht anerkannt.

Wir haben zwei Vorschläge. Beim einen geht es um die rechtliche Anerkennung von Lebenspartnerschaften im Familiengesetzbuch, was nicht unbedingt eine Eheschließung bedeuten würde, und ein Gesetz zur Geschlechtsidentität, also dazu, welchem Geschlecht sich ein Individuum zugehörig fühlt. Das ist zum Beispiel wichtig für Transgender, also Menschen, die eine andere als ihre körperliche Geschlechtszugehörigkeit empfinden, sich aber nicht operieren lassen wollen. Die Nationalversammlung wird darüber entscheiden.

UZ: Welche Chancen seht ihr, diese verbreitete homophobe Haltung aufzubrechen?

Alberto Roque: Ich glaube, dass in den letzten 17 oder 18 Jahren die kubanische Gesellschaft ein bisschen lockerer geworden ist im Umgang mit Themen, die mit Homosexualität und sexueller Identität zu tun haben. Es wird uns mit größerem Respekt begegnet. Homosexuelle Paare können offen ihre Partnerschaft leben. In Kuba gibt es keine gettoartigen Bereiche für Schwule und Lesben. Wir genießen die Mehrheit der Rechte, die die kubanische Bevölkerung hat. Aber die kubanische Gesellschaft ist immer noch homophob und es gibt immer noch Widerstand, über diese Themen zu diskutieren. Obwohl sie immerhin zur Sprache kommen. Das ist ein Widerspruch.

Wir haben die Schwerpunkte bestimmt. Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Medien das Thema behandeln: immer noch schüchtern, aber es wird darüber geschrieben. Früher "existierten wir nicht". Und wenn wir doch erwähnt wurden, dann negativ. Es ist immer noch sehr schwierig, das in den Schulen zu diskutieren, auch an Universitäten. Da mussten wir feststellen, dass die Mehrzahl der Studenten immer diese homophoben Prinzipien haben. Wir haben aber die Unterstützung der Regierung.

UZ: Das klingt so, als ob ein Blitz der Erleuchtung über politisch wichtige Menschen gekommen wäre, die dann gesagt haben, da muss ein Umdenken vor sich gehen. Aber wenn sich etwas verändert im Bewusstsein, hat das Ursachen. Was hat dazu geführt, dass in der politischen Führung über Veränderungen im Umgang mit der Homosexualität nachgedacht wurde? Haben Philosophie und Kultur Anstöße gegeben oder hat die Politik der Philosophie und der Kultur Anstöße gegeben?

Alberto Roque: Das ist eine interessante Frage. Ich bin kein Soziologe und kein Philosoph. Ich glaube, es sind verschiedene Faktoren, die dabei eine Rolle spielen. Sexuelle Aufklärung hat eine wichtige Rolle gespielt und auch die Diskussionen, die dazu geführt haben, dass der Tatbestand Homosexualität aus dem Strafgesetzbuch entfernt wurde. Aber für mich war das Wichtigste und vielleicht Widersprüchlichste die Wirtschaftskrise, die die kubanische Gesellschaft Anfang der 90er Jahre erlebt hat. Der Zusammenbruch des sozialistischen Blocks hat zu einem sozialen Infarkt geführt. Die erste und wichtigste Herausforderung war, den Sozialismus und auch die Errungenschaften des Sozialismus und die souveräne kubanische Nation zu erhalten. Dieses Ziel hat die Gesellschaft vereinigt, auch die Schwulen und Transgender. Die Lesben waren weniger sichtbar. Dieser größere Zusammenhalt hat den verschiedenen sexuellen Orientierungen neue Räume in der Gesellschaft geschaffen, weitere Räume als sie in den drei Jahrzehnten zuvor hatten.

Ein ganz wichtiger Faktor war die Kultur. Seit den 80er Jahren gab es eine kulturelle Bewegung, die Homoerotik als Schwerpunkt hatte. Trotz der sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage, die wir hatten, hatten Literatur, Theater, bildende Kunst einen Boom mit homoerotischen Themen. Und natürlich auch der Film "Erdbeeren und Schokolade". Der Film ist ein Gesang auf den Respekt vor sexueller Vielfalt. Das hat diesen Respekt gestärkt und eine Diskussion angeregt. Das Buch hatte nicht so viel Aufsehen erregt, aber der Film wurde in der Bevölkerung und auch international sehr diskutiert. Ich glaube, das hat auf die Politik eingewirkt.

In der Bevölkerung sind Vorbehalte gegen sexuelle Minderheiten immer noch stark. Wir sind davon überzeugt, dass das Individuelle auch politisch ist. Das ist die humanistische Essenz der kubanischen Revolution. In Kuba homophob zu sein ist gegen die Prinzipien der kubanischen Revolution. Aber Revolution bedeutet Veränderung. Genauso wie die Rechte der Frauen erkämpft werden, werden die Rechte von Lesben, Schwulen und Transgender erkämpft.

Die Fragen stellten
Nina Hager und Manfred Idler


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