unsere zeit - Zeitung der DKP27. Mai 2011

Feuilleton

Unterschiedliche "Schreibwelten"
Das Leben des Sylvin Rubinstein

Dolores & Imperio - das waren die Zwillinge Maria und Sylvin Rubinstein, ein in den 1930er Jahren in ganz Europa berühmtes Flamencopaar. Sie führten ein Leben in Glanz und Glamour, fanden ein Ende, als in Deutschland die Faschisten an die Macht kamen. Von da an waren sie eine Jüdin und ein Jude auf der Flucht. Maria überlebte den Faschismus nicht, sie begleitete Sylvin jedoch sein ganzes weiteres Leben lang: In seinen Träumen, aber auch auf der Bühne. Ihr zu Ehren trat er als "Imperia Dolorita" in Frauenkleidern auf, und wurde noch einmal ein berühmter Tanzstar. Am 30. April 2011 starb Sylvin Rubinstein im Alter von 96 Jahren im Hamburger Stadtteil St. Pauli, er wurde im engsten Freundeskreis auf dem Jüdischen Friedhof in Ohlsdorf beigesetzt.

"Wenn ich habe getanzt, ich habe gehabt mein Schwesterlein immer dabei", zitiert der Journalist Kuno Kruse Sylvin Rubinstein in der Biographie "Dolores & Imperio. Die drei Leben des Sylvin Rubinstein". Nicht einmal 30 Jahre wurde Maria Rubinstein alt. Die Wege der Zwillinge trennten sich 1942 im Warschauer Ghetto. Maria wollte die Mutter vor den deutschen Nazis in Sicherheit bringen. Sylvin sah weder Mutter noch Schwester jemals wieder. Er selbst überlebte den Faschismus auf wundersame Weise und kam nach dem Krieg auf Umwegen nach St. Pauli. Dort hatte er große Zeiten als Varieté-Star "Imperia Dolorita", lebte trotzdem in bescheidenen Verhältnissen, und verbrachte auch seinen Lebensabend in seinem geliebten Kiez.

Sylvin Rubinstein hatte das Herz auf dem rechten Fleck: Exilanten aus Sri Lanka und Chile lebten bei ihm, die kurdische Nachbarsfamilie wurde selbstverständlich unterstützt. "Flüchtlinge aus Timor verkrochen sich vor dem indonesischen Terror in der kleinen Wohnung auf St. Pauli. Der Putschist und Okkupant Suharto war damals zu Gast auf dem Petersberg in Bonn. Er war ein Freund der Bundesrepublik. Donnas Freunde waren seine Opfer", schreibt Kruse.

Einmal hat er einen jungen Mann versteckt, der mit der RAF sympathisierte. Oder mit den Revolutionären Zellen. Irgendein Studentenkram, über den Rubinstein nur den Kopf schüttelte. "Aber Franz, der Name genügte, ist auch auf der Flucht gewesen. Rubinstein war auch auf der Flucht gewesen, früher, als Hanns-Martin Schleyer noch ein SS-Mann war. Dafür, dass die Terroristen seinen Fahrer ermordet haben, hat Rubinstein sie gehasst", so Kruse.

22 Jahre lang arbeitete Rubinstein auf der Ausländerbehörde als Dolmetscher - bis er dahinter kam, dass die Beamten nicht nach Notlage der Antragstellenden entschieden, sondern nach der Dicke des Geldbündels, das ihnen unter dem Schreibtisch durchgeschoben wurde. 1945 zog er aus den Trümmern des zerbombten Berlin eine Nazi-Flagge, aus der er ein hübsches Kleid nähte. Die Anprobe vor dem Spiegel war die Geburtsstunde von "Imperia Dolorita". Auf Umwegen kam er nach St. Pauli, wo er im alten Moulin Rouge den ersten Striptease tanzte: "In rotes Licht getaucht ließ Dolorita die Träger des Kleides über die Schultern rutschen. Vor dem Finale schlängelte sich eine Blumenboa keusch über den Schritt, eine Drehung. und die schöne Nackte war entschwunden." Falsche Brüste ermöglichten diesen Auftritt, und "mein Gemächt hatte ich geklebt zwischen die Beine. Aber wenn ich musste pinkeln, es war grausam, ich musste alles abreißen und kleben neu." Grausam waren auch die Nächte des ehemaligen Tanzstars, in denen die Erinnerung ihn erbarmungslos einholte. Die Erinnerung an den Faschismus, und an Maria - und die nie enden wollende große Sehnsucht nach der geliebten Schwester. Vor allem in den letzten Lebensjahren quälten ihn die Bilder in schlimmen Alpträumen, Nacht für Nacht. Bis zu seiner letzten Nacht am 30. April 2011, wo ihn der Tod von dieser jahrzehntelangen Qual und seinen altersbedingten körperlichen Gebrechen erlöste.

Birgit Gärtner


Kuno Kruse, Dolores & Imperio, Die drei Leben des Sylvin Rubinstein, Kiepenheuer und Witsch, 272 S, 9,90 Euro.


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