unsere zeit - Zeitung der DKP3. Juni 2011

Hintergrund

Schleichende Massenmorde
Uranwaffeneinsatz im Namen der "Demokratie"
Von Matthias Rude

Im Krieg gegen Ghaddafi-Truppen setzen die NATO-Staaten derzeit wieder einmal Uranwaffen ein: Das von den USA eingesetzte Kampfflugzeug AV 8B Harrier und die US-Kampfjets A-10 Thunderbolt tragen Raketen mit DU-Sprengköpfen; auch Bomben, die US-amerikanische B-2-Maschinen über Libyen abwerfen, und die von Kriegsschiffen abgefeuerten Cruise-Missile-Raketen sind mit DU-ummantelten Sprengköpfen ausgerüstet. Abgereichertes Uran oder DU (Depleted Uranium) fällt als Abfallstoff bei der Anreicherung von Uran an. Als radioaktiver Sondermüll und hochtoxisches Schwermetall muss es kostspielig gelagert werden. Etwa 1,1 Millionen Tonnen davon stapeln sich in den Hallen der Atomkraftwerke. Deshalb war die Atomindustrie froh, als sich Militärs für die preiswerten Uranabfälle interessierten - der Grund: Uran ist eines der Metalle mit der größten Dichte, wenn ein Urangeschoss auf einen Stahlpanzer trifft, dringt es wie durch Butter hindurch. Dabei verdampft ein Teil des Geschosses und entzündet sich im Inneren des Fahrzeugs, die im Panzer vorhandene Munition explodiert, die Besatzung wird getötet. Dieser doppelte Effekt macht Uranmunition bei den Militärs beliebt. Doch bei der Explosion verbrennt das Uran zu radioaktiven Nanopartikeln, die über die Atmung und die Aufnahme durch Nahrung in die Organe gelangen.

Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra

Berlin-Tiergarten, 15. Januar 1993: Das Amtsgericht erlässt Strafbefehl gegen Prof. Dr. Siegwart Horst Günther. Wegen nicht sachgemäßem Umgang mit radioaktiven Abfällen und "Freisetzung ionisierender Strahlung" wird er zur Zahlung einer Geldstrafe von 3 000 DM verurteilt.

Günther, u. a. Präsident des Gelben Kreuzes International und Vizepräsident der Albert Schweitzer World Academy of Medicine, hatte nach dem ersten Golfkrieg als Arzt im Irak Krankheitsbilder festgestellt, die er dort zuvor noch nie beobachtet hatte; unter anderem fielen ihm eine Häufung von Leukämie sowie Missbildungen bei Neugeborenen auf. Als er außerhalb von Basra Kinder mit Geschossen spielen sah, die als Puppen angemalt waren, und eines dieser Kinder wenig später an Leukämie erkrankte und starb, wurde er misstrauisch. Er begann, die Kinder zu befragen, und fand heraus, dass die an Leukämie erkrankten Kinder mit Munition oder in Panzerwracks gespielt hatten und außerdem fast alle Väter von Kindern mit Missbildungen, die jenen nach der Tschernobyl-Katastrophe glichen, als Soldaten an den Panzerschlachten südlich von Basra teilgenommen hatten. Ende 1991 begann Günther, erste Artikel über seine Untersuchungen zu schreiben, in denen er vermutete, die Geschosse seien radioaktiv.

Im Jahr 1992 lässt Günther ein im Irak gefundenes Geschoss im Gepäck eines Diplomaten nach Berlin bringen, um es auf seine mögliche Schädlichkeit untersuchen zu lassen. Bei seinem Termin im Radiologischen Institut der Freien Universität erwarten ihn bereits 16 Polizisten. Ein Spezialkommando der Polizei mit Schutzkleidung und besonderen Behältern beschlagnahmt das Geschoss, gegen Günther wird Strafbefehl erlassen. In der Begründung wird ein Gutachten des Berliner Hahn-Meitner-Instituts, welches das Geschoss im Auftrag des Gerichts untersucht hat, zitiert. Darin heißt es: "Bei Berührung entsteht ein radioaktiver Abrieb und bei falschem Umgang mit dem Projektil die Gefahr der Kontamination und Inkorporation radioaktiven Materials in den menschlichen Körper, was zu einer Gesundheitsgefährdung führen kann." Die gesundheitsgefährdende Radioaktivität von Uranmunition wurde also bereits 1993 im Auftrag eines deutschen Gerichtes eindeutig festgestellt. Bis heute aber versuchen die Regierungen jener Länder, die Uranmunition und - bomben einsetzen, die Gefahren herunterzuspielen. Dabei wussten die Militärs um die Gefährlichkeit von abgereichertem Uran, längst bevor sie es in großem Stil im Krieg einsetzten. Das beweist beispielsweise ein Trainingsvideo der US-Army von 1995, in welchem die Soldaten vor dem Einatmen von Uranstaub gewarnt werden. Das Video entstand auf der Grundlage eines Handbuchs, das es schon vor dem Golfkrieg 1991 gab, aber nicht verteilt wurde. Heute weiß man, dass alleine im ersten Golfkrieg über 330 Tonnen Uranmunition verschossen worden sind. Die Gefahren waren den Militärs schon vorher bekannt, doch auf die Uranwaffen wollte und will man aufgrund des enormen militärischen Vorteils nicht verzichten.

"Zuerst starben die Bäume, dann die Menschen"

1995, Bosnienkrieg: US-Amerikaner und Briten setzen Urangeschosse und -bomben ein. NATO-Kampfverbände bombardieren Hadzici, eine Ortschaft, die 12 Kilometer westlich von Sarajevo liegt. Von dort kommen damals die ersten Menschen mit aggressiven Krebserkrankungen in die Krankenhäuser von Sarajevo. Die Serben ahnen, dass die Bevölkerung von Hadzici nach der Bombardierung einer gefährlichen Kontamination ausgesetzt sein könnte, und siedeln 3 500 Bürger in das serbische Gebiet Bosniens, nach Bratunac, um - doch zu spät: Von den 3 500 umgesiedelten Menschen sterben in den nächsten fünf Jahren 1 112 an Krebserkrankungen, fast ein Drittel aller Vertriebenen also. Eine Bosnierin erinnerte sich im Jahr 2006: "Als der Krieg kam und mit ihm die Uranmunition und der viele andere Dreck, verloren zuerst mitten im Sommer die Bäume ihre Blätter. Dann begannen die Menschen an Krebs zu sterben. Von meiner Generation lebt die Hälfte nicht mehr. So war es in jedem Land des ehemaligen Jugoslawiens, in das der Krieg getragen wurde. Zuerst starben die Bäume, dann die Menschen." 24. März 1999: Die ersten Bomben fallen auf Serbien. "Engel der Barmherzigkeit" lautet der zynische Name der Operation, in deren Verlauf die NATO über einen Zeitraum von 78 Tagen das Land bombardiert. Nun mischt auch die BRD im Kriegsgeschehen mit. Außenminister Joschka Fischer versucht den Krieg zu legitimieren, indem er das politische System im Kosovo als barbarischen Faschismus brandmarkt: Milosevic sei bereit "zu handeln wie Stalin und Hitler" und führe einen Krieg gegen die Existenz eines ganzen Volkes. "Die Bomben sind nötig, um die ´serbische SS´ zu stoppen", meint er. Statt aber durch die Bomben eine "humanitäre Katastrophe" zu verhindern, wie das vorgebliche Ziel des Angriffs lautete, ziehen diese eine Katastrophe von nicht absehbarem Ausmaß nach sich: Die NATO fliegt in den 78 Kriegstagen 38 000 Lufteinsätze und wirft 9 160 Tonnen Bomben ab, viele auf Chemiefabriken, wodurch Phosgen und Dioxine freigesetzt werden; Quecksilber, Zink, Kadmium und Blei verseuchen die Trinkwasserreservoirs.

Und: Insgesamt zehn Tonnen abgereichertes Uran fallen auf Jugoslawien. "Eine ´strahlende´ humanitäre Intervention, krebserregend und umweltverseuchend.

Kein Wort der Kritik von den Grünen oder von Greenpeace", so ging Jutta Ditfurth in einem junge-welt-Beitrag vom 26. März 2009 mit ihren einstigen Parteigenossen ins Gericht.

Seit auffällig viele Leukämie-Fälle bei italienischen, spanischen und portugiesischen Soldaten, die im Kosovokrieg eingesetzt wurden, festgestellt werden, ist von einem "Balkansyndrom" die Rede, analog zum "Golfkriegssyndrom", an dem bislang über 150 000 Veteranen erkrankt sind. Bei den deutschen Truppen im Kosovo, heißt es von offizieller Seite, bestünden keine besonderen gesundheitlichen Probleme. Politik und bürgerliche Medien propagieren die Ungefährlichkeit von Uranmunition; allen voran geht die Wochenzeitung Die Zeit: Sie behauptet bereits im Vorfeld der Untersuchung, der durch den damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping eingesetzten Kommission, die Harmlosigkeit von DU. Scharping verkündet am 10. Januar 2001: "Nach aller wissenschaftlichen Erkenntnis und nach aller medizinischen Erfahrung ist insbesondere bei eingesetzten Soldaten das Strahlenrisiko vernachlässigbar." Interessant: Einerseits erhält Siegwart Horst Günther wegen eines einzigen Urangeschosses, das er nach Deutschland bringen lässt, einen Strafbefehl wegen "Freisetzung ionisierender Strahlung", andererseits behauptet der damalige Verteidigungsminister, das Risiko der Urangeschosse sei zu vernachlässigen, wenn diese irgendwo anders im Krieg eingesetzt würden. Zwar fand die UN-Umweltorganisation UNEP nach den Jugoslawienkriegen Überreste von Uranstaub in Boden, Luft und Grundwasser, aber die NATO meint nach wie vor, eine Sanierung der betroffenen Gebiete sei nicht erforderlich - in Serbien wird sie inzwischen in Eigenverantwortung durchgeführt; für Bosnien empfiehlt die UNEP in einem Bericht von 2003, eine mehrjährige Beobachtung durch regelmäßige Wasserproben vorzunehmen und in der Zwischenzeit "andere Wasserquellen zu verwenden".

Inzwischen wurde und wird Uranmunition in weiteren Kriegen eingesetzt, vor allem in Afghanistan und im zweiten Irak-Krieg, auch in Somalia und im Libanon - teilweise unter Beteiligung der Bundeswehr. Aus elf europäischen Ländern sind inzwischen Fälle bekannt, bei denen Soldaten nach Kontakt mit DU auf dem Balkan erkrankt oder gestorben sind. Bei deutschen Soldaten werden jegliche Gesundheitsprobleme, die im Zusammenhang mit DU stehen könnten, von offizieller Seite geleugnet.

Tödlicher Staub

Uran allein hat eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren. Durch die Herkunft aus Atommüll finden sich im Uranstaub zusätzlich andere radioaktive Isotope, auch Plutonium, der giftigste Stoff überhaupt. Im Zusammenhang mit dem Einsatz von Uranmunition in Somalia hielt Der Spiegel am 22. Januar 2001 fest: "Beim Aufprall der Geschosse auf das Ziel wird nicht nur giftiges, schwach strahlendes Uranoxid freigesetzt. Es ist nach der neuen Erkenntnis auch durchmischt von Plutoniumpartikeln, die fast schon den sicheren Tod bedeuten, wenn sie durch die Lunge oder offene Wunden in den menschlichen Körper gelangen." Obwohl es sich also nachweislich sogar um schmutziges Uran aus der Wiederaufbereitung handelt, entsorgen die Verursacher diese hoch radioaktiven Überreste des Krieges nicht, sondern lehnen bis heute jede Verantwortung ab - es gebe keine Beweise dafür, dass die Uranmunition das "Golfkriegssyndrom" mit verursache. Lediglich der italienische Staat zahlte in Folge einer Sammelklage den Familien von sechs nach dem Kosovo-Einsatz verstorbenen und 30 schwer erkrankten Soldaten Kompensationen; die Briten haben bisher einen Fall anerkannt.

Im Frühjahr 2008 gab die Irakische Presse Agentur bekannt, dass 18 Regionen des Landes nicht mehr bewohnbar seien. Bei Basra wurden radioaktive Werte gemessen, die das Dreißigtausendfache der natürlichen Strahlung betragen. Nach Auskunft der Ärzte im Zentral-Krankenhaus in Bagdad stieg die Anzahl bösartiger Krebserkrankungen seit 1991 um das Achtfache.

Mit dem Wind wird der feine, unsichtbare Staub aus Uran- und Plutonium-Teilchen weiter getragen und über die Erde verbreitet. 2003 konnte bereits 14 Tage nach der Bombardierung von Bagdad mit insgesamt 2 000 Tonnen Uranbomben, aus diesen Waffen stammendes DU in England nachgewiesen werden. Der Kölner Filmemacher Frieder Wagner erhielt für seine WDR-Dokumentation Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra im Jahr 2004 zwar den Europäischen Fernsehpreis, bekam aber seither keinen Auftrag mehr. Aus eigenen Mitteln produzierte er 2007 den Kinodokumentarfilm Deadly Dust - Todesstaub, für den sich bis heute noch kein Filmverleih gefunden hat. "Todesstaub" - das ist ihn nicht nur der Staub aus Urangeschossen, sondern das gesamte radioaktive, durch Menschen erzeugte Gift, das sich inzwischen in der Umwelt befindet. Möglicherweise hat allein schon der Normalbetrieb von Kernkraftwerken Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit - so zeigte ja eine 2007 erschienene epidemiologische Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz eine signifikant erhöhte Leukämie-Rate bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken auf. Der erste Reaktorunfall ereignete sich am 12. Dezember 1952 in Kanada, danach kam es weltweit zu zahlreichen Zwischenfällen, bei denen radioaktive Substanzen an die Umwelt abgegeben wurden, wie auch zuletzt wieder in Japan. Hinzu kommen vertuschte Vorfälle und die illegale Entsorgung von Atommüll - so ist inzwischen bekannt, dass allein die italienische Mafia etwa 30 Schiffe mit Atomund anderen Giftabfällen auf dem Grund des Mittelmeers versenkt hat -, sowie die Freisetzung von Strahlung durch Unund Zwischenfälle mit Atom-U-Booten und deren nicht sachgemäße Entsorgung nach der Abwrackung. Durch den von den bisher etwa 2000 Atomtests verursachten radioaktiven Niederschlag gab und gibt es heute im Umfeld dieser Gebiete bei der dort lebenden Bevölkerung hohe Raten an Krebserkrankungen und Fehlbildungen; so sind beispielsweise allein durch vier Atomtests, die Frankreich in den 60er-Jahren in der algerischen Sahara durchführte, bis heute 30 000 Menschen geschädigt worden.

"Jetzt bin ich der Tod geworden, Zerstörer der Welten", zitierte der Leiter des Manhattan-Projekts, Robert Oppenheimer, in Bezug auf den ersten Atomtest in einem Interview aus der Bhagavad Gita. Unter dem Namen "Trinity" - Dreieinigkeit - testete er für das US-Militär am 16. Juli 1945 in New Mexico eine Implosionsbombe, wie es auch die "Fat Man"-Waffe war, die später auf Nagasaki abgeworfen wurde. Die erste Uranbombe, "Little Boy", wurde ohne vorangegangenen Test direkt beim Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945 gezündet. In einem Interview zu seinem Dokumentarfilm erklärt Frieder Wagner: "Das ist natürlich alles noch in der Luft und zirkuliert um den Erdball - das ist der Todesstaub, den ich meine; aber eine große Rolle spielt eben abgereichertes Uran. Wenn wir das weiterhin in Kriegen einsetzen, führen wir einen Krieg gegen uns selbst!"

Urangeschosse Massenvernichtungswaffe

Siegwart Horst Günther, Entdecker der Gefährlichkeit von Uranmunition, ist heute selbst an Krebs erkrankt. Er führt dies auf seinen beruflichen Kontakt mit Uran zurück. Über die Situation im Irak sagt er heute: "Ich frage mich, ob die alliierten Truppen, die hier Massenvernichtungswaffen finden wollten, durch den Einsatz von Urangeschossen nicht selbst eine Massenvernichtungswaffe zum Einsatz gebracht haben."

Die Verantwortlichen leugnen das natürlich. Auch nach Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Atomenergieorganisation IAEO liegt keine besondere Gefährdung vor. Kritiker bemängeln die Methodik und mangelnde Unabhängigkeit der Studien. Die Aussagen der WHO werden von einigen Instituten in Frage gestellt. Bereits im Juni 2004 kritisierten Ärzte und Wissenschaftler in einer Sachverständigenstellungnahme über die Folgen des Einsatzes von Uranmunition, "dass die von der US-amerikanischen und der britischen Regierung durchgeführten Studien nicht der Aufklärung, sondern der Verschleierung der Ursachen" dienten. Dagegen habe die neuere und insbesondere die unabhängige Forschung "hinreichend Beweise erbracht, dass Menschen, die Uranpartikelchen in ihren Körper aufgenommen haben, seien es Soldaten oder Zivilbevölkerung, aber vor allem Kinder und Jugendliche, einer schweren Gefährdung ihrer Gesundheit und ihres Lebens ausgesetzt sind." Das alleine reiche aus, um von den Regierungen der Welt, also in der UN und im UN-Sicherheitsrat, ein striktes Verbot des Einsatzes von DU-Waffen zu fordern. "Keine Macht dieser Welt hat das Recht, auf ihren selbstgewählten Kriegsschauplätzen die Menschen noch lange nach Beendigung der Kriegshandlungen zu vergiften und zu töten", heißt es in der Stellungnahme.

Doch diese Stimmen konnten sich bisher nicht durchsetzen. Im Herbst 2008 stimmten die Vereinten Nationen über ein Verbot von Uranmunition ab. 144 Staaten stimmten für ein Verbot; entscheidende vier Länder aber legten ein Veto ein: Die USA, Großbritannien, Frankreich und Israel. Die WHO prognostiziert, dass die Zahl der Todesfälle durch Krebs sich bis zum Jahr 2020 auf 15 Millionen Menschen pro Jahr verdoppeln wird.


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