unsere zeit - Zeitung der DKP17. August 2012

Theorie und Geschichte

Das Ganze denken
Erinnerungen an Walter Hollitscher -
und eine Einführung in sein Werk

Wenn man bedenkt, über welchen Wissensfundus Gelehrte etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Gebieten der Philosophie, der Natur- und Kulturwissenschaften verfügen mussten, um seriöse Arbeiten zu diesen Wissensgebieten abliefern zu können, und dazu in Beziehung setzt, was infolge der inzwischen eingetretenen Entwicklungen an Veränderungen, Erweiterungen, Vertiefungen auf diesen Gebieten stattgefunden haben, dann kann man verstehen, dass die Anzahl jener Gelehrter, die sich mit einiger Souveränität in diesen Gebieten bewegen können, heutzutage nicht sehr groß sein kann.

Einer von diesen war unser Genosse Prof. Dr. Walter Hollitscher (1911-1986). Er studierten in Wien, in der berühmten Wiener Philosophenschule, deren Einflüsse er auf dem Weg zum Marxismus sowohl bewahrte als auch überwand. Aus jüdischem Elternhaus stammend musste er, der schon 1929 der KPÖ beigetreten war, vor den Nazis über die Schweiz nach England emigrieren, wo er in den Freundes- und Diskussionskreis so berühmter britischer marxistischer Wissenschaftler wie Bernal, Hobsbawm, Cornforth geriet, auch mit Norbert Wiener, Anna Freud, Linus Pauling und anderen in Kontakt kam.

So ausgerüstet kehrte er nach der Befreiung in seine Heimat - und auch nach Deutschland - zurück, sich sofort und vehement an die Arbeit machend. Was lag da näher, als sich mit dem von den Nazis hinterlassenem wissenschaftlichen und politischen Unrat auseinander zusetzen, auch die riesigen Lücken ausfüllen zu helfen, die nazi-rassistische "Wissenschafts"-Politik hatte entstehen lassen? Die Frucht dessen kann man ehesten kennen lernen, wenn man sich in die fünfzig Vorlesungen vertieft, die Walter Hollitscher vom November 1949 bis Juli 1950 an der Berliner Humboldt-Universität zum Komplex "Dialektik der Natur" hielt (Das Buch wurde 1991 im Verlag Arbeit und Gesellschaft GmbH, Rosenstraße 12/13, Marburg mit einem Anhang über die Auseinandersetzung zu diesen Vorlesungen herausgebracht. Wer etwas zum Kopfschütteln lesen will, dieser Anhang regt dazu an!), oder seine beiden großen Arbeiten "Die Natur im Weltbild der Wissenschaft" und "Der Mensch im Weltbild der Wissenschaft" zur Hand nimmt - beide Bücher sind später in einer leicht überarbeiteten, sechsbändigen Taschenbuchausgabe (Die beiden großen "Weltbild"-Bücher erschienen 1969 im Globus Verlag, Wien, die überarbeiteten Taschenbücher ebenfalls zunächst im Globus-Verlag 1983, dann in der" kleinen Bibliothek des Pahl-Rugenstein-Verlags, Köln 1985) erschienen. Man kann auch einige der vielen "kleineren" Arbeiten Hollitschers studieren, etwa die Auseinandersetzung mit den Aggressionstrieb-Mythen: "Aggression im Menschenbild" oder "Der überanstrengte Sexus". ("Der überanstrengte Sexus" erschien erstmals 1973 unter dem Titel Sexualität und Revolution" im Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt a. M., in der von Manfred Buhr, DDR, herausgegebenen Reihe "Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie" (Band 56, 1975) "Aggression im Menschenbild" erschien zuerst 1970 in Wien und dann ebenfalls in der Reihe "Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie" als Heft 18 unter dem Titel: "Kain" oder "Prometheus". Zur Kritik des zeitgenössischen Biologismus, später im Verlag Marxistische Blätter.) Es gibt im Land sicher noch viele Genossinnen und Genossen, auch Nicht-Kommunisten, die Walter Hollitscher als Vortragenden und Diskutierenden erlebten und stets bereichert nach Hause gingen.

Doch es muss noch etwas Beschämendes mitgeteilt werden, das den Umgang mit Walter Hollitscher betraf, aber zu einem größeren Zusammenhang gehört.

In jener Zeit, in der Walter seine Berliner Vorlesungen hielt,war "man" in Moskau bestrebt, kräftig der weit verbreiteten Geringschätzung des "Slawischen" in Mittel- und Westeuropa entgegenzusteuern, indem man den Ursprung allerlei wichtiger Erkenntnisse, Entdeckungen und Entwicklungen als originär Russisches ausgab.

Und da ohnehin allerlei Verdächtiges aus dem Imperialismus in den Sozialismus hineinschwappte, traf ein Fluch auch Walters Werk: Er verbreite nur Konzepte westlichen Charakters, unterschätze die Leistungen der russischen, der sowjetischen Kultur.

Die bereits druckfertigen Vorlesungen konnten nicht erscheinen. So wurden bedeutende naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse - nur weil sie auf dem Boden imperialistischer Staaten erarbeitet worden waren (oft gerade von Marxisten) - der angehenden jungen Intelligenz der DDR vorenthalten.

Wem das wohl genutzt haben mag?

Erst Georg Klaus und einige andere Genossen haben wenig später mit ihren Arbeiten diese unsinnige "Mauer" durchbrochen. Walter Hollitscher aber wurde sogar einige Tage (wohl auf sowjetisches Geheiß) inhaftiert, dann nach Österreich abgeschoben, wo er im Rahmen des ZK der Partei und dann als deren ZK-Mitglied arbeiten konnte. Die DDR hat diesen Unsinn ohnehin nicht allzu lange durchgehalten: Walters Bücher wurden gedruckt, er selbst hielt Jahr für Jahr an der Karl-Marx-Universität Vorlesungen zu seinen Arbeitsgebieten ab.

Dies als Einnerung und zur Einstimmung in das Buch von Martin Krenn "Das Ganze denken. Natur und Mensch im Werk von Walter Hollitscher". Ich habe das Buch mit der Freude gelesen, die sich einstellt, wenn man sich wieder erinnert an das, was man einst bei Walter studiert hat. Zum Aufbau des Buches.

Nach einem knappen Vorwort kommen die Kapitel: 1. Einführung. 2. Methodische Grundlegung: Hollitschers Verständnis des dialektischen und historischen Materialismus. 3. Die Dialektik der Natur: Naturphilosophie und Einheit der Welt. 4. Kontextualisierung: Zum Begriff der marxistischen Anthropologie. 5. Hollitschers Frage nach dem Menschen (I): Mensch und menschliche Entwicklung unter dem Aspekt des Evolutionspanoramas. 6. Hollitschers Frage nach dem Menschen (II): Bewusstsein-Sein-Spezifik. 7. Hollitschers Frage nach dem Menschen (III): Die psychische Konstitution des Menschen. 8. Ausblick: Natur und Mensch in der dialektisch-materialistischen Philosophie der Gegenwart und der Beitrag Hollitschers zur Verortung des Menschen im Naturganzen. 9. Angaben zur Literatur.

Ich steige nicht ein in Martin Krenns konkrete Darlegungen zu Hollitscher. Wer da Kenntnisse erwerben will, mag in das Buch selbst schauen. Natürlich ersetzt dieses Buch nicht das Studium der Arbeiten Hollitschers selbst. Aber Krenns Buch ist eine gute, gründliche Einführung in das Wirken unseres Genossen. Und ich kann es mir nicht "verkneifen", ein kleines Beispiel anzuführen, wie Hollitscher ein immer wieder heiß debattiertes Thema anging, und das schon vor langen Jahren.

Es handelt sich um das berühmte "Leib-Seele-Problem".

Da wird heiß debattiert - und schon Engels musste sich damit befassen -, ob es möglich sei, das Bewusstsein, seine Aktivitäten ohne Rest auf Materielles zurückzuführen. Ich war und bin noch der Meinung, dass solche "Erklärungs"-Versuche letztlich nicht das Bewusstsein erklären, sondern es annullieren würden. Als ich vor fast zwanzig Jahren ein Buch zum Materialismus-Thema schrieb, ging ich auch auf dieses Thema ein. Damals meinten einige Naturforscher der DDR, die auf diesem Gebiet suchten und experimentierten, nach ihrer Meinung werde das Problem in etwa fünfzehn Jahren gelöst sein - ich schrieb, mal sehen, wie es in fünfzehn Jahren damit wird aussehen können. Längst sind diese Jahre vergangen ... Und wie sah das Walter Hollitscher? Er argumentierte, indem er auf ein Telefongespräch verweist, auf das mit dem Telefon-Apparat, mit dessen Vermittlung stattfindende Gespräch verweist, und sagt: dieses finde zwar mittels der Telefonanlage statt, doch befinde sich in dessen Atomen nichts von diesem Bewusstsein selbst.

Robert Steigerwald


Martin Krenn. Das Ganze denken. Natur und Mensch im Werk von Walter Hollitscher, Hrsg. Alfred Klahr-Gesellschaft, Wien 2012, ISBN-Nr. 978-3-9 503 137-1-0 (Siehe auch "Personenkult - ein Kennzeichnungsversuch" - Ein marxistischer Essay von Walter Hollitscher aus dem Jahr 1980 in der UZ vom 3.2.2012)


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