unsere zeit - Zeitung der DKP19. Oktober 2012

Kultur

Parabel vom linken Radikalismus
Eisler/Brechts "Die Maßnahme" als Klassik-Label des MDR

50 Jahre nach Hanns Eislers Tod ist erstmals komplett auf einem Tonträger das zusammen mit Bertolt Brecht verfasste Lehrstück "Die Maßnahme" auf CD herausgekommen. Es ist das Verdienst von Protagonisten, Ensembles und Technikern des MDR, aber auch der Hanns und Steffy Eisler Stiftung, dass gegen Widerstände endlich die Veröffentlichung einer professionell gelungenen Referenzaufnahme von 1998 durchgesetzt wurde.

In Albrecht Dümlings verdienstvoller Monografie über Brecht und die Musik ("Lasst euch nicht verführen", Kindler Verlag 1985) ist detailliert nachzulesen, wie Eisler 1930 in seiner ersten Zusammenarbeit mit Brecht die erstrebte Einheit von Lehrenden und Lernenden aufnahm. Brechts "Badener Lehrstück vom Einverständnis" - Musik Paul Hindemith - folgte in diesem Sinn die mit Kurt Weill erarbeitete Schuloper "Der Jasager" nach einem altjapanischen No-Theater-Stoff "Taniko" (Der Talwurf). "Der Jasager" verkörpert eine rituelle "Reinigung" buddhistischer Wallfahrer anhand eines "einverständigen" Knabenopfers. Das diesem wiederum nachfolgende Lehrstück "Die Maßnahme" ist das Ergebnis produktiver inhaltlicher Weiterentwicklung durch das neue Autorengespann Brecht/Eisler in einem beispielhaft praxisgebundenen, dialektischen Arbeitsprozess. Als brauchbares Übungsstück für das Abc des Kommunismus sollte und konnte es die Arbeitersänger selber im Prozess des Einstudierens und der Aufführungen revolutionieren. Mit 400 von ihnen vollzog Eislers kommunistischer Dirigenten-Freund Karl Rankl die Aufsehen erregende Uraufführung und Wiederholungen in Berlin. Brecht, der seinen "Jasager" einer Übersetzung von Elisabeth Hauptmann (seit 1929 KPD-Mitglied) verdankte und ihn mehrfach mit dem Ziel der Säkularisierung bis hin zum "Neinsager" umgearbeitet hatte, kam mit Kurt Weill wegen dessen strikt beibehaltener Trennung von Musik und Politik nicht weiter. Auf dem Weg zum wirklich politischen, didaktischen Gegenstück geleitete ihn Eislers ständiger Widerspruch und dessen Agitproperfahrung. Der Grundvorgang des überkommenen "schwachsinnigen feudalistischen Stücks" (Eisler) wurde in kürzester Zeit ins "geistige Manövergelände" streng konspirativer kommunistischer Propaganda im China ausgangs der zwanziger Jahre angesiedelt. Vor dem damals reproduzierbaren realen Hintergrund der Befreiung des Landes vom imperialistischen Druck Japans und der westlichen Mächte wurden abstrakt mögliche Gefährdungen eines zielführenden Widerstands exemplifiziert, denen unüberlegte, gefühlsgeleitete Disziplinverletzungen im Verhalten eines jungen Agitators zugrunde liegen. Lenins "Der linke Radikalismus" hatte in deutscher Übersetzung Furore gemacht. Eisler bestärkte Brecht beim Arbeitsprozess darin, seinen persönlichen Gegensatz von Gefühl und Verstand zu relativieren. An zentraler Stelle steigerte er das aufgenommene Lenin-Zitat "Klug ist nicht, der keine Fehler macht, sondern/der sie schnell zu verbessern versteht" vom rhythmischen Sprechchor zum Kanon. "Die Kunst in ihrer bisherigen Form erscheint Brecht zu statisch und zu passiv, er will mit dem Kunstwerk eine konkrete Einwirkung auf die Leute erreichen", schrieb der befreundete sowjetische Theatermann Sergej Tretjakow 1934. "Brechts erstes Stück mit kommunistischer Thematik ist als Gerichtsverhandlung aufgezogen, in der die auftretenden Personen über die von ihnen vollzogene Erschießung eines Genossen berichten und die Notwendigkeit der Maßnahme zu beweisen suchen, während ein Kontrollchor, der gleichzeitig als Zuschauermasse fungiert, aus den Vorkommnissen ein Resümee zieht und sein Urteil fällt." Die nüchterne Nachstellung und Abwägung jeder einzelnen Situation, die die Stück-"Agitatoren" 1930-32 den proletarischen Produzenten und Zuschauern abverlangten, zielten auf deutsche Klassenkampferfahrungen und Barrikaden-Erinnerungen. Sie stellen weniger Handlungsanweisungen als Plädoyers dar, Argumente, die beweisführende Parteien vorbringen könnten.

Der im täglichen Kampf gegen den Hunger stehende Genosse, so demonstrieren die Agitatoren nachträglich, ging mit in die Illegalität, um "die Weltrevolution" mit den Lehren der Klassiker ein Stück vorwärts zu bringen. Er wollte aber spontan losschlagen und kündigte damit nicht nur sein Einverständnis mit der Sache, sondern gefährdete damit die unmittelbar beteiligten Genossen. Nur um den Preis seines Verschwindens konnten sie beides retten; mit dem Preis, unkenntlich von ihnen ausgelöscht zu werden, erklärte er sich wieder einverstanden.

Wie Dümling feststellt, hat Eisler in sein achtteiliges Werk mit grundlegend archaisierend-trockener Harmonik stilistisch vielfältige Elemente eingebettet. Im begleiteten chorisch-solistischen Vorspiel mit seinem Lob "glücklicher Arbeit" und dem dazu kontrastierend gemeldeten Tod eines Genossen lässt er tragisch-heroisierend Bach anklingen (Matthäuspassion). Dieser Gestus kehrt später auf andere Weise wieder, im bekannteren Chorsatz "Versinke im Schmutz/Umarme den Schlächter, aber/Ändere die Welt: Sie braucht es! Wer bist du?" Dem Chor fällt nicht allein eine aufklärende Rolle zu, in diesem Fall lernt er mit. Choralartig das "Lob der U.S.S.R.", "Aller Unterdrückten Hoffnung"; rhythmisch skandiert er die Taktik des Klassenkampfs, die sich typisch eislerisch als pochende rhythmische Figur zur gepriesenen Selbstlosigkeit der illegal Untergetauchten gesellt. Sie kehrt nicht nur beim Streiklied als notwendiger Kommentar wieder, sondern unterstreicht auch die idealtypische Aufgabe "der Partei", wenn sie die Methoden der Klassiker kollektiv vertritt oder eben auch unsichtbar den Verzweifelten hilft. Die vorherrschende Ruhe der in ihrem Namen nur fassungslos zu ertragenden "Grablegung" übertönt Christoph Zapatka quasi in memoriam mit dem rauschhaft verzerrten Bekenntnis zur Revolutionierung der Welt. Er tut dies kritisch überdeklamierend im Agitprop-Stil des zur falschen Zeit am falschen Ort aus der Bahn geworfenen Kämpfers. Götz Schulte stellt wie schon 1997 bei der ersten Wiederaufführung der "Maßnahme" am Berliner Ensemble Weillschen Jazz-Songstil aus Eislers Feder übertrieben mit reichlich Schmelz aus: das Gespräch des Reishändlers mit dem jungen Genossen und den bekannten "Song von der Ware" mit dem Tauschwert der Ware Arbeitskraft. Der "Song der Reiskahnschlepper" mit seinem schweren Arbeits- und schnellen Antriebstempo gehorcht einer realistischen Haltung.

Dr. Jürgen Schebera verweist namens der Eisler-Stiftung im CD-Begleitheft darauf, dass "Die Maßnahme" aufgrund der gedruckten Textfassungen von 1931, 1938 und 1954 für alle Interessierten stets zugänglich war. "Eislers Musik aber, eine seiner bedeutendsten Kompositionen, blieb bis weit in die 1990er Jahre nahezu unbekannt. Grund dafür war ein Aufführungsverbot seitens der Brecht-Erben, das sich auf eine Entscheidung des Dichters aus dem Frühjahr 1956 berief. Damals hatte - nachdem in den unmittelbaren Nachkriegsjahren kein Chor oder Theater sich für das Stück interessierte - eine schwedische Laiengruppe eine entsprechende Anfrage an Brecht gerichtet und dieser hatte sie, im Einverständnis mit Eisler, negativ beschieden." Ausschlaggebend dafür waren politische Gründe auf dem Höhepunkt der Ost-West-Konfrontation (z. B. die Konterrevolution in Ungarn und Hoffnungen auf einen endgültigen Bruch mit dem Stalinismus nach dem XX. Parteitag der KPdSU, H. F.).

"War also das politisch implizierte Aufführungsverbot in den 1950er und auch noch in den 1960er Jahren ... nachvollziehbar", so Schebera weiter, "so muss man spätestens ab den 1970er Jahren von ausgesprochen ahistorischem Starrsinn bei den Brecht-Erben sprechen, die am Ende bis 1997 an ihrem Verdikt festhielten."

Hilmar Franz


Hanns Eisler"Die Maßnahme" . Lehrstück für Tenor, Sprecher, Chor und Orchester op. 20 Text Bertolt Brecht, 2. Fassung 1931.

MDR Kammerphilharmonie und Rundfunkchor; Musikalische Leitung Johannes Kalitzke; Choreinstudierung Howard Arman. Götz Schulte (Sänger und 1. Agitator), Angelica Domröse, Gottfried Richter, Christoph Zapatka (2., 3., 4. Agitator) MDR Live-Aufnahme 3. Oktober 1998 im Festspielhaus Hellerau. Zwei Songs als Bonustrack ("Weiß ich was ein Mensch ist?"), aufgenommen nach der Uraufführung vom 13. Dezember 1930. Erik Wirl (Tenor), Bertolt Brecht (Sprecher), Hanns Eisler (Orchesterleitung)

Mit Stückabdruck und einer Einführung von Jürgen Schebera; herausgegeben von MDR Klassik - TELEPOL GmbH in Koproduktion mit der Hanns und Steffy Eisler Stiftung. Produktion MDR 2012, Klassik-Label des Mitteldeutschen Rundfunks Volume 7


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