unsere zeit - Zeitung der DKP17. Mai 2013

Kultur

"Du bist klassisch, und das hat Folgen"
Heinar Kipphardts Künstlerfreundschaft
mit Ernst Busch im Briefwechsel

Als Buchvorstellung mit den Autoren und mit Schauspielstudenten der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin präsentierten die Ernst Busch Gesellschaft und das Kulturforum der Rosa Luxemburg Stiftung am 10. Mai die im Wehrhahn Verlag erschienene Korrespondenz zwischen dem westdeutschen Dramatiker Heinar Kipphardt (1922-1982) und Ernst Busch (1900-1980). Ihre tiefergehende, im ersten DDR-Jahrzehnt 1949-1959 begründete Freundschaft rührte aus direkter gemeinsamer Arbeit im Haus des Deutschen Theaters (DT) in Berlin unter Wolfgang Langhoff her. Und nicht weniger auch aus dem künstlerischen Austausch über das anfangs dort untergebrachte Berliner Ensemble (BE): Brechts Intentionen über dessen Tod hinaus folgend, krönte Busch es bekanntlich auch bei Auslandsgastspielen mit der geradezu klassischen Verkörperung der Galilei-Figur.

Kipphardt, DT-Chefdramaturg und junger erfolgreicher Stückeschreiber, wies Busch öffentlich schon 1954/55 als "eine der ausgeprägtesten Schauspieler-Persönlichkeiten des neueren deutschen Theaters" aus. Er begründete das mit den überragenden Darstellungen des Julius Fucik, des Shakespearschen Jago und des Goetheschen Mephisto. Mit einem Blick auch für eine mögliche Besetzung mit Busch konzipierte er die bemerkenswerten Brecht-, Tucholskyund "Links"-Matineen des DT.

1961 äußerte Busch noch immer offiziös weiterzugebende Kritik zur dogmatisch hart durchgesetzten kulturpolitischen Linie, die 1958/59 Kipphardts qualitativ orientierende Vorstöße zu einer glaubwürdigen sozialistischen Gegenwartsdramatik in der DDR auch gegenüber Kulturgremien der Partei und des Staates abwürgte. Aus dem Nationalpreisträger der DDR mit zeitweiliger Arbeitserlaubnis für die Bundesrepublik wurde angesichts des Trommelfeuers der Westmedien ein "Abtrünniger", der Selbstkritik-Verordnungen nicht befolgte und so zwischen die Fronten geriet. Kipphardt sei damals einfach "dem Westen überlassen" worden, so Busch. Der Verfassungsschutz dort wertete allerdings die nachgesagte "Republikflucht" als feindliches Unterwandern und veranlaßte das Düsseldorfer Schauspielhaus, das bereits verabredete BE-Gastspiel mit "Galilei" abzusagen. Desertiert war der junge Soldat Kipphardt freilich sehr früh - nämlich aus dem Vernichtungskrieg der Wehrmacht gegen die Sowjetunion. 1949 approbierter und schriftstellernder Arzt in Krefeld, hatte er sich dem Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen Staatsalternative im Osten als enthusiasmierter Helfer zur Verfügung gestellt und war, sozialistisch orientiert, in die SED eingetreten.

Der nach der grenzüberschreitenden Zäsur von 1959 einsetzende persönliche Briefwechsel zwischen Ernst Busch und Heinar Kipphardt, in der internationalen Autorenriege des politisch intendierten Dokumentartheaters der 60er und 70er Jahre bald einer der bekanntesten ("Der Hund des Generals", "In der Sache J. Robert Oppenheimer", "Joel Brand", "Bruder Eichmann", Roman "Leben des schizophrenen Dichters Alexander M."), erwies sich in rund 20 beiderseits verbleibenden Lebensjahren über alle Wechselfälle beständig. Im vorliegenden Konvolut der über 100 veröffentlichten Schriftzeugnisse ist Busch überwiegend wortkarg, doch toleriert er offenbar, wie Kipphardt ihn jeweils sehr konkret an seiner antiimperialistischen, sozialistisch-kritischen Weltsicht teilhaben lässt. Die herausgebenden DDR-Wissenschaftler und Gründungsmitglieder der Ernst Busch Gesellschaft, Carola Schramm und Jürgen Elsner, erkunden seit den 90er Jahren archivalisch Spuren des Arbeitersängers im Nachkriegsdeutschland.

Obwohl Busch eigene Gründe hatte, auf ein Jahrzehnt mit DDR-Politikern und Kulturpolitikern "verbost" zu sein, ist seine intellektuelle Verwurzelung im sozialistischen deutschen Staat unstrittig. Für die Freundschaft mit Heinar Kipphardt in der West-Ost-Konfrontation galt ihm dessen persönliches Bekenntnis: Er habe den Standort gewechselt, nicht den Standpunkt. Nach der Westberliner "Oppenheimer"-Uraufführung 1964 schrieb ihm Kipphardt:

"Es war gut, Dich in alter Kraft und Unruhe wiederzusehen, und ich bin der Gewißheit froh, daß Du wenigstens die wichtigsten Lieder in einer absehbaren Zeit unter Dach gebracht haben wirst. Dann wird, ich zweifle nicht daran, das Theater seine Rechte auf Dich dringend machen, die dramatische Literatur darf es sich nicht gefallen lassen, daß der wichtigste Schauspieler deutscher Zunge in die Ferien geht."

Geradezu beschwörend mahnt er den nie zufriedenen Sänger durchgängig, das zu vollenden, was schließlich mit originärem Gestus auf mehr als fünfzig remasterten Busch-Platten der Aurora-Reihe lebendig geblieben ist: scharf oder leise akzentuierte, wahrhaft revolutionär verstärkte Ausdrucksmöglichkeiten anstelle mechanischer Einhämmerung. In Ernst Buschs knappen schriftlichen Selbstzeugnissen und Diktaten ist nur halbwegs erahnbar, wie er sich selbst kleinste Details qualitativer Gestaltung geradezu gegen die eigene Physis abtrotzte. Die zur öffentlichen Vorstellung von blutjungen Studenten gelesenen Briefparts - Matthias Mosbach, Christophe Vetter - mündeten dramaturgisch in Buschs stimmliche Ergänzungen: "Einheitsfrontlied" und "Linker Marsch", "Am Rio Jarama, Februar 1937" (aus den "Canciones de las Brigadas Internacionales", 1963 den "toten Freunden Maria Osten und Michail Kolzow" gewidmet), "Die Ballade von den Säckeschmeißern", "Kälbermarsch", Tucholsky-Eislers "Ideal und Wirklichkeit", Johannes R. Bechers "Vorspruch" und Brecht-Eislers "An die Nachgeborenen".

Hilmar Franz


"Lieber Ernesto, laß Dich umarmen". INterVENTIONEN. Künste und Wirklichkeiten. Im Auftrag der Internationalen Heinar-Kipphardt-Gesellschaft, Band 1 Broschur, 2012. Bestellbar auch bei www.ernst-busch.net


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