unsere zeit - Zeitung der DKP21. Januar 2000
Berlin

Gedenken an Celalettin Kesim

Am Kottbusser Tor in Kreuzberg befindet sich eine in den Boden gelassene Tafel, die an die Ermordung des türkischen Kommunisten Celalettin Kesim erinnert.

Hier überfielen am 5. Januar 1980 gegen 11 Uhr eine Horde von etwa 60-70 religiösen Fanatikern und faschistischen "Grauen Wölfen" etwa 20-30 türkische Flugblattverteiler, unter denen sich auch Celalettin Kesim befand. Die Flugblattverteiler riefen zu einer Protestkundgebung gegen die in der Türkei geplante Militärdiktatur auf.

Gerade, als die Flugblattverteiler den Ort verlassen wollten, wurden sie von dieser Horde mit Messern, Schlagstöcken, Schlachetmessern und Pistolen überfallen, die Verletzung bei Celalettin Kesim war tödlich.

Es war ein gezielter, kein zufälliger Mord. Mit einer rasiermesserscharfen Klinge wurde ihm die Hauptschlagader am Oberschenkel nahe dem Schritt durchtrennt, einer Stelle, an der es unmöglich ist, die Ader abzubinden. So verblutete er auf der Straße, und die Ärzte konnten später im Krankenhaus nur seinen Tod feststellen.

Celalettin Kesim war der Sekretär des Türkenzentrums, einer Organisation fortschrittlicher türkischer Immigranten, einer Organisation, die heute im Türkeizentrum fortlebt. Celalettin arbeitete längere Zeit als Dreher bei Borsig, zuletzt war er Lehrer an der Volkshochschule Neukölln. Er hinterließ ein Kind und seine schwangere Ehefrau.

Ende der 70er Jahre hatte die MHP, die faschistische Partei der Grauen Wölfe, damit begonnen, sich in der BRD und Westberlin zu organisieren und auch unter den Arbeitern in den Betrieben Fuß zu fassen. Und sie taten das auch mit "schlagenden Argumenten", indem sie die linken Organisationen immer wieder tätlich angriffen, ihren Zeitungsverkauf auf den Straßen überfielen oder auch schon mal im Betrieb zum Messer griffen (als Betriebsrat mußte ich mich 1978 mit so einem Fall befassen). Die MHP konnte meistens damit rechnen, dass sowohl Werkleitungen als auch die politisch Verantwortlichen in Bonn, im Westberliner Senat - egal ob SPD oder CDU - und auch in der Türkei alle Augen zudrückten. Die Presse stellte den Mord an Celalettin Kesim als Ergebnis einer Schlägerei zwischen Extremisten dar, nach dem Motto "selbst schuld". Die Berliner Morgenpost sprach vom "Mörder" Kesims (in Anführungszeichen!)

Der Hass auf alles Linke einte auch hier alle deutschen und türkischen Reaktionäre. Die deutsche Justiz verurteilte den Mörder nicht wegen Mordes, sondern lediglich zu einer Haft von vier Jahren wegen Beteiligung an einer Schlägerei mit tödlichem Ausgang.

Westberlin erlebte eine beeindruckende Trauerfeier, an der etwa 3 000 Menschen teilnahmen. Ihr folgte eine Protestdemonstration von über 20 000 Teilnehmern. Breit war der Protest und die Solidarität in den Gewerkschaften, Betrieben und zahlreichen Organisationen.

Wer sich dazu alle Zeitungsartikel und Flugblätter anschaut, stößt auf vertraute Namen. Demirel und Ecevit bekleideten auch in jenen Jahren höchste Staatsämter. Die MHP ist - in etwas anderem Gewande - heute Regierungspartei. Das Militär, vor dessen Putsch Celalettin Kesim und seine Freunde damals gewarnt hatten, putschte noch im Hintergrund. Die Forderung nach Demokratie und Einhaltung der Menschenrechte in der Türkei sind bis heute aktuell geblieben. Und weiterhin hält der deutsche Imperialismus diesem Regime politisch, ökonomisch und militärisch die Stange. Es riecht nach wachsender Kriegsgefahr vom Balkan bis Aserbeidschan.

Reiner Vollradt

aus "anstoß", Zeitung der DKP-Bezirksorganisation Berlin


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