unsere zeit - Zeitung der DKP17. Juli 2009

Marxistische Theorie und Geschichte

"Weg mit Hitler - Schluss mit dem Krieg!"
Berliner Arbeiterwiderstand 1942-1945: Erste Ausstellung
zur Geschichte der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation

Bei der weiträumigen Quartierserneuerung in den siebziger Jahren, als der traditionsreiche Berliner Arbeiterbezirk Lichtenberg eine Vorreiterrolle für industrielles Bauen und menschenwürdiges, bezahlbares Wohnen einnahm, sah es der antifaschistische deutsche Staat DDR als programmatisch an, dort zugleich der in der Illegalität wirkenden und ermordeten Vorkämpfer gegen Krieg und Faschismus zu gedenken.

Seitdem finden wir die Namen Anton Saefkow, Franz Jacob, Bernhard Bästlein und vieler anderer an Straßen und gestalteten Plätzen des Fennpfuhls. Um die Anlagen zu unterhalten, ist heute das Geld knapp. Das nutzt auch die im Bezirksparlament vertretene NPD. Provokativ hat sie es darauf abgesehen, konkret das Andenken an die größte unter den Berliner antifaschistischen Widerstandsorganisationen auszulöschen und es politisch "umzuwidmen". Demnach sollte der Anton-Saefkow-Platz nach Waldemar Pabst, dem für das Mordkommando gegen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg unmittelbar Verantwortlichen, benannt werden. Der Berliner NPD-Chef Hähnel, der das gegen die einhellige Ablehnung aller anderen BVV-Fraktionen öffentlich zu begründen suchte, kam jetzt ganz glimpflich aus einem Landgerichtsprozess wegen Volksverhetzung davon. "Die Linke", stärkste Partei im Bezirk, beließ es nicht allein beim parlamentarischen Auftritt ... Umso besser, dass die Nachricht auch angesichts einer anhaltenden berlinweiten Aufklärung über die historisch bedeutsame Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation wahrgenommen und eingeordnet werden kann.

Die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes - Bund der Antifaschisten erinnert schon seit mehreren Jahren an die 1943 einsetzende Neuorganisation im kommunistischen Widerstand. Die drei Metallarbeiter, Arbeiterführer und Marxisten, die bis 1933 auf KPD-Bezirksebene und dann bis 1934 alle schon einmal illegal aktiv waren, wirkten nach Zuchthaus und KZ bald gänzlich wieder im Untergrund. In der Schlussphase des Krieges gründeten Saefkow und Jacob etwa 70 illegale Betriebsgruppen in Berlin; Bernhard Bästlein kam nach geglückter Flucht später dazu. Die im Kern kommunistische Organisation sorgte für Sabotageakte in der Rüstungsindustrie, war aber auch solidarisch um den Schutz und die Einbeziehung von Zwangsarbeitern bemüht. In einem neuen Herangehen nach dem Vorbild des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) sollte ein breites Netz des Widerstands geschaffen werden.

Für den Sturz der faschistischen Diktatur und die Beendigung des Krieges wurden deshalb informelle Vernetzungen zu sozialdemokratischen und bürgerlichen Hitlergegnern weit über Berlin hinaus hergestellt, materielle Strukturen zu Wehrmachtseinrichtungen geschaffen und NKFD-Briefe an die Frontsoldaten verschickt.

Für eine deutsche Antihitlerkoalition

Um "zu einer wirklichen Lösung aller ungelösten sozialen und nationalen Probleme der werktätigen Massen" durch die "Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft überhaupt" zu kommen, war die Berliner KPD-Leitung Ende 1943 bereit, "mit allen politischen, religiösen und militärischen Gruppen sowie den beruflichen Interessenvertretungen des Mittelstandes und der werktätigen Landbevölkerung zusammenzuarbeiten, soweit sie für die Beseitigung des Hitlerregimes eintreten" ("Ergebnisse der Moskauer Konferenz", Fazit einer Diskussion mit Franz Jacob und Anton Saefkow).

Auf Initiative von Adolf Reichwein und Julius Leber, zweier führender Sozialdemokraten mit Verbindung zum Kreisauer Kreis und zu Stauffenberg, begaben sich Saefkow und Jacob am 22. Juni 1944 für ein gemeinsames Vorgehen zu ihnen auf Tuchfühlung. Der Verrat des dabei anwesenden Gestapo-Spitzels Ernst Grambow, eines früheren KPD-Funktionärs, führte ab 4. Juli schockartig zur Enttarnung und Verhaftung von mehr als 300 der etwa 500 Mitstreiter. Etwa 100 von ihnen fielen unter dem Fallbeil, oder sie kamen in der Haft bzw. im Konzentrationslager um. Weitere Verhaftungen folgten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und in Thüringen. Mehr als 100 Frauen und Männer konnten den Kampf fortsetzen, weil sie unentdeckt blieben.

50 neue Stolpersteine

65 Jahre nach diesem Terror und nah dem zentralen Ort der Berliner Bücherverbrennung von 1933 dokumentiert die VVN-BdA mit der ersten Ausstellung über die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation die Breite des "Berliner Arbeiterwiderstands 1942-1945". Parallel dazu werden 50 namentlich gekennzeichnete Stolpersteine in Berlin und Umgebung verlegt. Wie die Begleitveranstaltungen dienen auch sie der Erinnerung an noch nicht anderweitig geehrte Mitstreiter/-innen. Seit der Öffnung der Landesarchive auch in Berlin und in Potsdam können nach der Befreiung zeitnah ausgefüllte Entschädigungs-Fragebögen eingesehen werden.

Die Berliner Historikerinnen Dr. Bärbel Schindler-Saefkow und Dr. Annette Neumann, dazu Dr. Susanne Riveles aus den USA - sämtlich Töchter von ermordeten Mitgliedern der Gruppe - ermittelten seit 2006 weitere Facetten z. B. über die vielschichtigen Beweggründe und die selbstständig formulierten Ziele der Beteiligten. Weitere Nachkommen aus anderen Familien mit ähnlichem Schicksal unterstützten sie dabei; Dr. Hans Coppi beriet wissenschaftlich.

Ein Ergebnis: Mehr als 30 der damals organisierten Frauen und Männer leisteten aktive Hilfe für untergetauchte Aktivisten (Franz Jacob wechselte allein in 18 Monaten 30 mal die Wohnung) und gefährdeten sich und andere sicherlich zusätzlich, indem sie jüdische Menschen vor der drohenden Deportation bewahrten. Drei unbeugsame Frauen wurden als "Überzeugungstäterinnen aus eigenem Antrieb" zum Tode verurteilt und hingerichtet (Judith Auer, eine enge Vertraute von Saefkow und Jacob, sowie Elli Voigt und Auguste Haase).

Betriebliche Widerstandsgruppen

Die auf 20 Tafeln zusammengestellte Dokumentation im Foyer der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität am August-Bebel-Platz berücksichtigt ebenso wie der Katalog stichhaltige Erkenntnisse aus seriösen neueren Monografien: Ursel Hochmuths "Hitlers Krieg ist nicht unser Krieg!" (425 Biografien, Hamburg 1998) und Rainer Sandvoß´ "Die ´andere´ Reichshauptstadt" (Lukas Verlag 2007). Sandvoß hat wiederholt und wohl nicht ganz zufällig an der Seite der beiden Berliner VVN-BdA-Historikerinnen die konservative These zurückgewiesen, der Arbeiterwiderstand sei nach 1933 so gut wie zerschlagen worden. Den vorangegangenen Darlegungen bei der IG Metall und bei ver.di: "Das andere Berlin 1933-1945. Widerstand in den Betrieben während der Nazizeit" folgte jetzt die Tagung "Das rote Berlin" in Kooperation mit Helle Panke e. V., Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie dem Haus der Demokratie und Menschenrechte e. V.

Hier stellten auch junge Politikwissenschaftler vom Otto-Suhr-Institut der FU (Betreuer: Prof. Siegfried Mielke) neuere Forschungsprojekte über Unterschiede und Möglichkeiten für ein Zusammengehen von widerständigen Berliner Metallarbeitern mit sozialdemokratischer, kommunistischer und zwischengruppenspezifischer Ausrichtung vor. Max Urichs längerfristiges und vorsichtigeres Taktieren 1933-1945 im freigewerkschaftlichen Metallarbeiterverband spielte ebenso eine Rolle wie das unbeirrte Engagement des Gewerkschafters, Sozialisten und späteren Stauffenberg-Mitverschwörers Wilhelm Leuschner für die angestrebte Gewerkschaftseinheit.

Dem gegenüber standen die eigenständigen Aktivitäten des Kommunistischen Einheitsverbands der Berliner Metallarbeiter, der der 1935 aufgelösten Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) angehörte, sowie die konzeptionelle Vorstellung eines Untersuchungsvorhabens zum widerständigen überparteilichen "Aktionsausschuss Gruppe Metall" um den KPO-Jugend- und Gewerkschaftsfunktionär Walter Uhlmann. Sehr deutlich hob sich davon der erste Aufbau illegaler Betriebszellen in Berlin ab, mit dem der Metallarbeiter und KPD-Gebietsgruppenleiter Robert Uhrig schon ab 1937 begonnen hatte. Deren Aufdeckung und weitgehende Zerschlagung 1942 konnte aber nicht verhindern, dass unerkannte Reststrukturen gesammelt wurden und die Aktivisten in der neuen Betriebszellen-Organisation um Saefkow und Jacob weiterwirkten.

Die Zwischenergebnisse dieser Tagung werden publiziert.

Hilmar Franz


Im Jahre 1941 wurde ich aus dem Zuchthaus Luckau, in dem ich fünfeinhalb Jahre zubringen musste, entlassen. Ich kehrte in meinen Heimatort Berlin zurück (...). Es dauerte gar nicht lange, bis sich in meinem Bekanntenkreis erneut eine Gruppe von Genossen zusammengefunden hatte, um den illegalen Kampf gegen den Faschismus wieder aufzunehmen. Zu diesen Genossen gehörten unter anderen Erich Davideit, Erwin Reißler, Werner Deckers und ich. Diese Initiative erfolgte im Rahmen der allgemeinen Bemühungen der Genossen Anton Saefkow, Franz Jacob, Fritz Emrich, Walter Leu und Otto Marquardt, die illegalen Kader und Gruppen der KPD in Berlin zu einer Parteiorganisation zusammenzufassen und eine einheitliche Leitung der KPD in Berlin zu bilden. Unser Ziel war es, eine umfassende antifaschistische Massenagitation für die Vereinigung aller Hitler- und Kriegsgegner zu einer starken Widerstandsfront ins Leben zu rufen. (...)

Der erste Betrieb, in dem ich ein (...) Dreiergruppensystem der Partei aufbaute, waren die Siemens-Werke in Siemensstadt. (...).

Eine gute antifaschistische Arbeit wurde in dem Flugzeugkühlerbaubetrieb Windhof in Neukölln geleistet. Hier war es vor allem Genosse Willi Bollin, den ich durch meinen Freund Erich Davideit kennenlernte. Er war unermüdlich tätig und hat zusammen mit anderen Genossen die Produktionssabotage in großem Stil organisiert. In diesem Betrieb arbeiteten unsere Genossen auch eng mit sowjetischen Zwangsarbeitern zusammen. (...)

Der dritte Betrieb, in dem wir Dreiergruppen aufbauten, war das Heinkel-Flugzeugwerk in Oranienburg. Über Genossen Karl Rudolf hatten wir von diesem Betrieb aus Verbindung zu den Genossen des Konzentrationslagers Sachsenhausen, die wir regelmäßig mit unseren Flug- und Schulungsschriften belieferten. In diesem und in den anderen Betrieben, die zum größten Teil zu den wichtigsten Produzenten von Kriegsmaterial gehörten, gelang es uns, systematisch die Produktion zu sabotieren. Wir schwächten dadurch das faschistische Rüstungspotential und trugen unter unseren spezifischen Bedingungen dazu bei, den Krieg zu verkürzen und wertvolle Menschenleben zu erhalten.

Wir befassten uns jedoch nicht nur mit der Sabotage der Rüstungsproduktion. Die marxistisch-leninistische Schulung unserer Genossen, die Sammlung von Lebensmitteln und Lebensmittelkarten für die in der Illegalität lebenden Genossen sowie Geldsammlungen zur Finanzierung des antifaschistischen Kampfes gehörten ebenfalls zu unseren Aufgaben. So wurden zum Beispiel von jedem legal lebenden Genossen regelmäßig Lebensmittel abgegeben, die dann von uns an die Dreierkopfleitung Saefkow-Jacob-Bästlein abgeliefert wurden. Es war jedem Genossen strikt untersagt, darüber schriftliche Aufzeichnungen anzufertigen. (...)

Im Februar 1944 arbeiteten Franz Jacob und Anton Saefkow in Übereinstimmung mit Theodor Neubauer die politische Plattform der operativen Leitung der KPD "Wir Kommunisten und das Nationalkomitee Freies Deutschland" aus. In diesem bedeutsamen Dokument, das in seiner politischen Grundorientierung von den Beschlüssen der Brüsseler und der Berner Parteikonferenz der KPD sowie vom Manifest des Nationalkomitees "Freies Deutschland" ausging, wurden unter anderem das Hauptziel des antifaschistischen Kampfes und der Charakter der nach dem Sturz des Hitlerregimes zu errichtenden demokratischen Ordnung erläutert. Außerdem legten die Genossen darin die führende Rolle der KPD in diesem Kampf sowie die Notwendigkeit dar, die Aktionseinheit der Arbeiterklasse herzustellen und eine breite Front aller Hitlergegner zu schaffen.

(...) Dabei waren wir uns jederzeit voll bewusst, dass wir diesen Kampf, falls uns die Gestapo entdecken sollte, mit dem Leben bezahlen mussten. Trotzdem traf uns die Nachricht, dass man fast alle leitenden Genossen in der Nacht vom 4. zum 5. Juli 1944 verhaftet hatte, wie ein Keulenschlag. (...)

(Aus den Erinnerungen von Fritz Goltz. In: Im Kampf bewährt. Erinnerungen deutscher Genossen an den Widerstand 1933-1945. Berlin 1969)


Bild anzeigenDenkmal für die Widerstandsorganisation auf dem Lichtenberger Anton-Saefkow-Platz in Berlin. Der Bildhauer Siegfried Krepp gestaltete den Reliefblock aus Sandstein 1987-1989.

Foto: Hilmar Franz


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