unsere zeit - Zeitung der DKP5. Oktober 2007

Aktionen, Erfahrungen, Ideen

Wem gehört die EU?
Hans Jürgen Krysmanski bei der MASCH in Essen

Power Structure Research (= Machtstrukturforschung) nennt sich eine in der Bundesrepublik noch weitgehend unbekannte, in den USA schon länger existierende Forschungsrichtung, deren bekanntester Vertreter der frühere Direktor des Soziologischen Instituts der Universität Münster, Hans Jürgen Krysmanski, ist. Früher Mitglied im Präsidium des Weltfriedensrats, ist Krysmanski heute im Beirat von Attac immer noch auf der Seite "derer da unten" engagiert, wie unlängst auf dem Alternativgipfel in Heiligendamm.

Im Auftrag der Europaparlamentsabgeordenten Sahra Wagenknecht hat Krysmanski 2006 eine Studie erstellt, in der es um Macht und Herrschaft in der EU geht. Genau dieses Thema wird er auch bei der MASCH Essen diskutieren Wer herrscht in der EU? UZ-Leser werden nicht annehmen, dies täte die Europäische Kommission oder gar das Europaparlament. Eher werden sie schon auf transnationale Konzerne, institutionelle Anleger oder Finanzmarktakteure tippen. Doch wer sind die letztendlichen Eigentümer des Kapitals, das nach Anlage sucht, und sich als Investment verwerten, das heißt, vermehren soll?

Krysmanski zufolge ist es die "Geldelite", in deren Händen sich Reichtum und Macht immer mehr konzentrieren und zentralisieren, nicht nur weltweit, sondern auch in der EU. Nach Merril Lynch gab es 2005 weltweit 85 400 Personen mit einem frei verfügbaren Netto-Geldvermögen von jeweils mehr als 30 Millionen Dollar. In Europa waren es 17 000. Diese Millionäre und Milliardäre üben ihre Geldmacht meist nicht eigenhändig aus. Krysmanski nennt das Netzwerk, dessen Mittelpunkt die Geldelite bildet, "Geldmachtapparat". In einem Ringmodell veranschaulicht er, wie sich um die Geldelite herum die Wirtschaftselite (Konzern- und Banken-CEOs, Fondsmanager, etc.) als "Verwertungsmacht" gruppiert, gefolgt von der Politischen Elite (politische Klasse) als "Verteilungsmacht" und der Wissenselite als "Wissensmacht" (Technokraten und Intellektuelle in Forschung, Produktion, Wissenschaft und Medien). Die um die Geldelite herum Gruppierten sieht er als deren gehobene Dienstklassen. Der "Geldmachtapparat" bietet erst einmal nur ein begriffliches Gerüst, um das Netzwerk empirisch zu erkunden.

Die Postulierung einer europäischen herrschenden Klasse hält Krysmanski für verfrüht. In dem zunächst nur durch Geldreichtum definierten Netzwerk gibt es zahlreiche Widersprüche, Gegensätze und konkurrierende Interessen. Gleichwohl entsteht auf der Basis der heutigen Akkumulationsprozesse eine neue Oberschicht mit eigenen Macht- und Herrschaftsperspektiven. Ihr Vorbild ist die amerikanische Plutokratie.

Will man wissen, aus welchen Personen die Geldelite besteht, so muss auf die Milliardärs- und Millionärs-Ranglisten zurückgegriffen werden, die weltweit und aufgeschlüsselt nach Ländern jedes Jahr veröffentlicht werden. Vergleicht man sie mit den Ranglisten der Konzerne und deren Haupt- und Großaktionären, so ergibt sich vielfach Aufschluss über Quellen des Reichtums, obwohl oft verdeckt durch geheimnisvolle Namen von Beteiligungs- und Investmentgesellschaften. Im Geldmachtapparat Europas hat sich laut Krysmanski eine bunte Gruppe von Reichen angesiedelt, an deren Spitze man folgende Gruppen findet: 1. den über Generationen vererbten dynastischen Reichtum - die alten reichen Kapitalistenfamilien, 2. den teilweise immer noch potenten Adel - dessen Reichtum oft besonders gut "in den Kellern der Geschichte" verborgen wird, 3. den mittels technischer, finanzieller und konsumstrategischer Innovationen zusammengerafften Neureichtum - Discounter-Könige, Software-Erfinder, Spekulanten, 4. die durch korrupte Privatisierungspraktiken hochgekommenen Oligarchen, 5. Mafia-Milliardäre à la Silvio Berlusconi.

Die Dividenden, die die Geldelite einstreicht, lassen die Gehälter von Spitzenmanagern wie Ackermann, über die sich das Volk schon mal unter Anleitung der Bild-Zeitung aufregen darf, bescheiden aussehen. Niemand kann behaupten, dass solche enormen Geldmittel noch in den Luxuskonsum einfließen können. Sie werden reinvestiert, aber nicht nur ökonomisch, sondern auch in den Erwerb von sozialer, kultureller und politischer Macht.

Den vielgestaltigen Prozess der Privatisierung von Macht, bis hin zu Privatpolizeien und Söldnerheeren, bezeichnet Krysmanski als "kapitalismusbasierte Refeudalisierung". Darunter versteht er eine schleichende Usurpation, die Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie, wie das Wahlrecht und Mitbestimmungsrechte der Bevölkerung untergräbt. Diesen Vorgang gibt es, und es ist dringend erforderlich, neben der sozialen Umverteilung von unten nach oben, auch diese Machtumverteilung ins Visier zu nehmen, auch wenn man den Begriff der "Refeudalisierung" und einige andere Thesen Krysmanskis zur epochen- oder formationsspezifischen Charakterisierung des gegenwärtigen Kapitalismus zwar für diskussionswürdig hält, aber deshalb nicht schon unbedingt übernehmen will.

Beate Landefeld


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