unsere zeit - Zeitung der DKP10. März 2000
Was Kommunalpolitik mit Kriegsvorbereitung zu tun hat

Dorsten: Munitionstransporte rollen für den Krieg

Kaum hatte es sich die neue CDU-Mehrheit nach der letzten Kommunalwahl im Dorstener Rathaus bequem gemacht, da machte sie den Ratsbeschluss zur Schließung der Munitionsanstalt rückgängig. Bis 1991 hatte die britische Rheinarmee dort auch Atomsprengköpfe gegen den sozialistischen Hauptfeind gelagert.

Nicht nur Castor-Transporte sollen demnächst also wieder rollen, sondern vor allem mehr Munitionstransporte für die neuen Kriege des neuen Hausherrn der MUNA, die Bundeswehr. Ein Schuft, der denkt, das habe etwas mit "Landschaftspflege" - Millionen aus Rüstungskonzernen für schwarze CDU-Kassen - zu tun.

Dorsten, eine 80 000-Seelen-Gemeinde, liegt am nördlichsten Rand des Ruhrgebiets an der Lippe mitten im Naturpark "Hohe Mark". Gerade durch diese Lage sieht sich die Stadt gerne als "Tor zum Münsterland" und "Brücke zum Ruhrgebiet". Mit 171 km2 ist Dorsten flächenmäßig die größte der zehn Städte im Kreis Recklinghausen. Eine Stadt, in der der Bergbau langsam aber sicher stirbt und sich die Arbeitslosigkeit der 20-Prozent-Marke nähert. Bundesweite Aufmerksamkeit findet die Stadt z. Zt. durch ihre ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Agnes Hürland-Büning, die lange Jahre als Staatssekretärin im Verteidigungsministerium gearbeitet hat und tief in dem Parteienfinanzierungsskandal der CDU verstrickt ist. Nun ist Dorsten um eine weitere "Attraktion" reicher. Die Stadt verfügt über das größte Munitionsdepot der Bundesrepublik.

Zentraler Umschlagsplatz für weltweite Kriegseinsätze

Entsprechend der gültigen Richtlinien der NATO und der Bundeswehr und den daraus folgenden militärischen Anforderungen (z. B. Air-Land-Battle-Konzept, Atomwaffenerstschlag, schnelle Eingreiftruppen bzw. sogenannte Krisenreaktionskräfte) wurde die Anlage genutzt und ausgebaut. Im Jahre 1980, kurz vor der sogenannten Nachrüstung, wurden wichtige Bereiche der MUNA modernisiert. Die Straße "An der Wienbecke" wurde neu asphaltiert. Ein Teil der Straße ist überdimensional verbreitert. In diesem Bereich gibt es keine Überleitungen, Brücken etc. Binnen weniger Minuten kann die Straße gesperrt, ein provisorischer Feldflugplatz eingerichtet und Flugzeuge mit Munition und Raketen beladen werden.

Am 2. 10. 1980 berichtete die UZ, dass der DKP-Kreisorganisation Recklinghausen Beweise dafür vorliegen, wonach bereits im Mai 1980 nukleare Sprengköpfe und Raketen in die MUNA gebracht wurden. Angehörige des deutschen zivilen Wachpersonals berichteten, dass an zwei Abenden im Mai Transportzüge mit nuklearen Sprengköpfen und Raketenteilen in die MUNA gebracht wurden. Im September 1988 begannen Erweiterungsarbeiten auf dem MUNA-Gelände. Heute verfügt die MUNA über 381 Bunker, 25 Kilometern Straßennetz, drei Arbeitshäuser, zwei Eisenbahnverladerampen mit einer Kapazität von je 40 Waggons und 15 Kilometern Gleisanlagen mit Anschluss an den Bahnhof Deuten. Die Kosten: ca. 120 Millionen DM. Damit sei man in die Lage versetzt worden, "im Krisenfall sehr schnell sehr viel Muniton bewegen zu können", so der heutige Kommandant der MUNA, Oberstleutnant Rudolf Haller.

Bewährungsproben: Golfkrieg und Kosovo

Entsprechende Bewährungsproben hat die ausgebaute MUNA hinter sich. Ende 1990 tummelte sich plötzlich auch die US-Army in der MUNA. Am 23. 1. 1991 bestätigten hohe Militärs gegenüber der waz, dass in der MUNA Munition aus Bundeswehr-Beständen für den Einsatz im Golfkrieg zwischengelagert wird. Diese Unterstützung erfolge auf "Anforderung der amerikanischen und britischen Freunde". Munition werde in "nicht unbeträchtlichen Mengen" in das Wulfener Depot transportiert. Während des Golfkrieges Anfang 1991 verließen drei- bis viermal täglich 20 - 40 LKWs das Gelände in Richtung Frankfurter Flughafen. In einem Brief an das Bundesverteidigungsministerium schrieben die Engländer nach Ende des Golfkrieges, dass die soeben ausgebaute MUNA im Golfkrieg ihre Bewährungsprobe bestanden habe. Die Anlage sei für "die künftige Friedenssicherung" unverzichtbar.

Es liegt in der Logik der bundesdeutschen Kriegsstrategen, dass die MUNA nach bestandener Feuertaufe als Waffenlager für die neuen schnellen Eingreiftruppen der NATO und die Krisenreaktionskräfte der Bundeswehr dienstbar gemacht wurde. Für den Überfall auf Jugoslawien wurden aus der MUNA rund 150 Tonnen Munition an die NATO-Truppen geliefert. Die MUNA soll zum künftigen Munitions-Hauptdepot ausgebaut werden. Hier soll der gesamte Heeresvorrat an Munition gelagert werden. Es soll sich ausschließlich um konventionelle Munition "vom Neun-Millimeter-Geschoss bis hin zur Rakete" handeln, erläuterte der Kommandant der MUNA. "Unser Schwerpunkt liegt auf der Lagerung und der Bereitstellung im Krisenfall."

Hauptdepot für künftige Kriege

Gerade in "Krisenzeiten" dürften die Lagerungskapazitäten in der MUNA allerdings nicht ausreichen. Auch Munition der US-Army und anderer NATO-Verbündeter muss in solchen Zeiten zwischengelagert werden. Es ist daher davon auszugehen, dass die Bundeswehr zukünftig die gesamte bestehende Infrastruktur um und in Dorsten nutzt, wie sie in Umsetzung der NATO-Nachrüstung und in Vorbereitung auf einen dritten Weltkrieg geschaffen wurde. Zu denken ist hier besonders an die Munitionsdepots bei Groß-Reken in der Hohen Mark, in Hünxe und in Datteln-Ahsen. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass in Zukunft ausschließlich konventionelle Waffen in den Depots gelagert werden. In den Bunkern können Waffen aller Art gelagert werden.

Auch in Friedenszeiten stellen diese Waffenarsenale ein ständiges Risiko dar. Gefahren bei der Lagerung, der Bearbeitung und dem Transport von konventionellen und insbesondere von ABC-Waffen sind unübersehbar. Das größte Risiko wird heute beim Transport von Munition und anderen Sprengkörpern gesehen. Der Kommandeur der MUNA sieht dies ganz anders: "Jeder Benzinlaster ist wesentlich gefährlicher." Die Bevölkerung kann dies nicht beruhigen. Zahlreiche Vorfälle bei Munitionstransporten im Bundesgebiet belegen die permanente Gefährdung. Da war z. B. eine Schießerei im Halterner Bahnhof zwischen Wachsoldaten der US-Army, die einen Munitionszug bewachten. Was wäre gewesen, wenn dabei Sprengstoff beschossen worden wäre? Wie sieht es bei Unglücken von Zügen und LKWs aus. Da gab es heißgelaufene Bremsen und brennende Reifen bei Munitions-LKWs.

Da gab es in der Zeit des Golfkrieges in Dorsten Beschwerden aus der Bürgerschaft, weil Militärtransporter mit hoher Geschwindigkeit durch den Ort rasten. Was ist, wenn bei den üblichen Tiefflügen über der MUNA Flugzeuge abstürzen? Die Dorstener Bürger sind da schon einiges gewohnt. Immer wieder gab es neben den tatsächlichen Militäreinsätzen auch Militärübungen, in denen die MUNA eine zentrale Rolle spielte. Die größte Übung fand im Rahmen des NATO-Herbstmanövers vom 3. 9. - 5. 10. 1984 unter der Bezeichnung "Lionheart" statt. Es handelte sich um eine Gefechtsübung in NRW mit rund 130 000 britischen Soldaten. Übungsziel: Erprobung des Zusammenwirkens der Streitkräfte am Boden und in der Luft. Die MUNA war sowohl Ziel von Angriffs- und Verteidigungsflügen als auch von mehreren hundert Militärtransportern, die Munition aufnahmen. Die Übung beschäftigte sich in der Hauptsache mit dem schnellen Transport von Kampfgerät und Soldaten sowie der Nachschub-Versorgung der kämpfenden Truppe. Von England herangeführte 60 000 Reservisten übernahmen unter anderem in Recklinghausen, Wulfen und Dülmen Gerät und Fahrzeuge und rückten über die B 58 und die B 51 in den Hauptbereich des Manövers nach Niedersachsen vor. Natürlich wurden im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit auch die Leiter der verantwortlichen Stellen bei den Behörden und Ämtern des Kreises Recklinghausen in die geheimen Manöver-Pläne eingewiesen.

Schützenhilfe für die CDU

Die britischen Militärs machten immer ein mächtiges Geheimnis um die MUNA. Dem "Arbeitskreis MUNA" der Stadt Dorsten gelang es nicht zu erfahren, was in der MUNA von rund 600 Soldaten streng bewacht wird. Alfred Weiß von der Stadtverwaltung Dorsten beklagte, dass in Gesprächen mit der MUNA mehr verschleiert als offenbart werde. Mit der Bundeswehr soll das nun alles anders sein. Der Kommandant der MUNA ködert die Verantwortlichen in Stadt und Verwaltung sowie die Bevölkerung mit dem Versprechen, dass die Zurückhaltung gegenüber den Bürgern ein Ende habe und dass den Dorstener Unternehmen z. B. bei dem Bau der elektronischen Bewachungsanlage Aufträge ins Haus stünden.

Dies sollte wohl eine Schützenhilfe für den CDU-Bürgermeister sein, der dann auch kurze Zeit später vorschlug, den MUNA-Beschluss aus folgenden Gründen aufzuheben:

  1. Der Beschluss trage nicht zu einer "Verbesserung des Verhandlungsklimas" mit den Militärs bei. Er wünsche sich aber eine "Klimaverbesserung" im Umgang mit der Bundeswehr.

  2. Es sei es nicht vorstellbar, dass die Bundeswehr auf das Lager verzichtet.

  3. Man wolle einer möglichen Erweiterung der Beschäftigtenzahlen nicht im Wege zu stehen.

Am 19. 1. 2000 diskutierte der Haupt- und Finanzausschuss über die Aufhebung seines Beschlusses von 1990. Jochen Siepmann von den Grünen erklärte, dass sich an den Voraussetzungen für den damaligen Beschluss nichts geändert habe. SPD-Fraktionschef Heinz Denniger verteidigte das bisherige Ziel der Stadt, die MUNA aufzulösen und verwies auf die Gefährdung der Bevölkerung durch die Munitionstransporte. Heinz Barten (SPD) sah in der fehlenden MUNA-Feuerwehr ein großes Risiko für die Wulfener Bevölkerung. Ingo Stoffel machte deutlich, dass die FDP grundsätzlich nichts gegen ein Munitionsdepot einzuwenden habe. Aber man wolle vor einer Entscheidung erst noch offene Fragen geklärt bekommen. Bernd Schwane von der CDU betonte, dass man mit der Aufhebung des Beschlusses nur auf den Boden der Realität zurückkehre.

Seit Ende Februar gehört die Stadt Dorsten nun nicht mehr zu den Städten, die sich der weiteren Militarisierung unserer Gesellschaft widersetzen. Sage einer, die "Landschaftspflege" der Rüstungskonzerne trage keine Früchte. Aber egal, ob Agnes Hürland-Büning oder andere CDU-Funktionäre für ihre "Bemühungen" um Rüstungsprofite und Großmachtpläne geschmiert wurden oder ob sie als "Brüder im Geiste" ohne Extra-Trinkgeld handeln:

Dorsten ist ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, bei den kommenden Landtagswahlen in NRW den Durchmarsch der CDU zu verhindern. Und wie wichtig es ist, die Friedensaktivitäten nicht nur im Kreis Recklinghausen zu erhöhen und der Bevölkerung die militärische und finanzielle Bedeutung der MUNA vor Augen zu führen.

Detlev Beyer-Peters
Stellv. Kreisvorsitzender der DKP im Kreis Recklinghausen
Kreistagsabgeordneter der Offenen Liste der PDS

Quellen: Lokalzeitungen


Lesen Sie weiter
Munitionsbunker mitten in der Stadt
Wie Asterix und Obelix...


zurück Artikel versenden