unsere zeit - Zeitung der DKP9. September 2011

Feuilleton

Ja, er war ein Sozialist!
Ernst-Busch-Platz in Kiel eingeweiht

Die Sonne spiegelt sich in der Hörn, der Germaniahafen lädt zum Verweilen ein, die Kieler und alle Sonnenhungrigen schlendern über die Hörnbrücke direkt zum Germaniahafen. Ein paar Stufen noch und schon ist man auf dem Platz, der Raum bietet für Helligkeit, Möwen, für eine Skulptur (der gefesselte Prometheus oder ein in sich gefangenes Liebespaar?), Passanten und Fahrradfahrer. Nichts scheint darauf stillzustehen, alles ist irgendwie in Bewegung hier an diesem Platz im Stadtteil Gaarden.

Doch etwas ist ungewohnt am heutigen Spätnachmittag. Auf dem Platz aufgeregte Geschäftigkeit. Ein Keybord ist aufgebaut, ein Chor macht Stimmproben und eine illustre Menschenschar verweilt, fröhlich vertieft in angeregter Unterhaltsamkeit. Die Stimmung ist beschwingt. Mitten auf dem Platz ein verhülltes Straßenschild.

Hier in Gaarden hat im Jahr 2010 der Ortsbeirat von Gaarden die Idee zur Benennung eines Ernst-Busch-Platzes ins Leben gerufen und diesen Vorschlag in das Kieler Stadtparlament eingebracht. Gegen die Stimmen von CDU und FDP wurde der Vorschlag durchgebracht und dank des engagierten Gaardener Ortsbeirats der Beschluss nun in die Tat umgesetzt.

Der Ortsbeiratsvorsitzende Bruno Levtzow (SPD) will eröffnen, doch da marschiert eine kleine Truppe in historischen Trachten, versehen mit Schellen, mit Pauke und Trompete aus Richtung Gaarden kommend auf den Platz. Verkleidet als einfache Bauersfrau, Bürgerstochter, Nonne, Fisch und Polizist aus einem längst vergangenen Jahrhundert gesellen sie sich mit Tschingdarassabum zum Ortsbeiratsvorsitzenden Levtzow. Ein wenig verwirrend für manch Anwesenden, immerhin trägt die kleine Parade ein Schild mit sich herum "100 Jahre Freistaat Gaarden", geschmückt mit Krone und Zepter. Busch unter der Krone Gaardens? Und wer führt da das Zepter? Warum nicht, immerhin hat Bruno Levtzow mit dem selbstgebauten Schild schon vor einem Jahr für Aufmerksamkeit gesorgt, als er selbstbewusst dem Stadtteil Gaarden ein ungenehmigtes Eingangsschild verpasst hatte, da ihm das Kieler Rathaus mit der Kennzeichnung Gaardens zu langsam war. Unübersehbar selbstbewusst präsentieren sich auch heute die Gaardener neben einer eigens für heute aufgestellten Staffelei mit dem Foto eines jungen Mannes. "Ernst Busch 1920" steht darunter.

Bruno Levtzow erzählt, sie hatten schon vor längerer Zeit einen Platz im Visier, daraus ist nichts geworden. Aber nun habe es endlich geklappt mit einem Platz, der in seiner Belebtheit geradezu ideal für Ernst Busch wäre. Levtzow wehrt sich gegen Internetberichte, wonach Busch nun in einer Kieler Schmuddelecke, inmitten der Neubauten von Gaarden, untergebracht wäre.

Ich frage mich, welche Schmuddelecke gemeint sein könnte, wer will da Zwietracht säen und ist Busch am Hafen, an der Stelle, an der einst die Germaniawerft stand, in welcher er als Schlossergeselle lernte, nicht gerade richtig platziert? Die Teilnehmer der Einweihungsfeier sehen es ebenso.

Der Ernst-Busch-Chor Kiel singt das Solidaritätslied. Dieses Lied unter freiem Himmel, das habe ich schon lange nicht mehr gehört. Die letzte Zeile des Refrains: "Wessen Welt, ist die Welt?" wird mit Stimmen aus dem Publikum beantwortet: "Unsere". Eine DKP-Fahne weht rot über den Platz.

Der Oberbürgermeister von Kiel, Torsten Albig (SPD) über Busch: Busch sei Kind einer Arbeiterfamilie, er habe die Stadt, die sich in den 20er Jahren rasend schnell zu einer Industriestadt entwickelt hatte, künstlerisch geprägt und sie ihn. Die Demokratie stand 1918 auf dem Plan, als Busch im Kieler Matrosenaufstand, wenige Meter von dem jetzt nach ihm benannten Platz, die Kugeln um die Ohren pfiffen. Erst kürzlich wurde hier der "Platz des Kieler Matrosenaufstandes" eingeweiht. Heute werde mit dem neuen Platz eines Mannes gedacht, der der Arbeiterbewegung und seinem Lied eine Stimme gab. Eine Stimme, welche einen noch heute erschauern lasse. Aber, so der Oberbürgermeister, mit Busch müsse man auch etwas aushalten. Er war Sozialist, Kommunist, er ist streitbar. Nicht mit allem könne man sich identifizieren: "Zum Beispiel hätten wir gern mehr über sein kritisches Verhalten zum Sozialismus in der DDR gehört." Die Reaktion aus dem Publikum kommt prompt: "Er war gegen Krieg", ja natürlich wiederholt der OB, gegen Faschismus und Krieg. Und er bleibt dabei: Busch gehört zu Kiel, jener Stadt, welche 1918 auch die Demokratie erstritt. Dr. Walter Rix, "Ein treuer Freund der Ostpreußen" und geehrt von der Landsmannschaft Ostpreußen mit dem Goldenen Ehrenzeichen (nachzulesen in der Preußischen Allgemeinen Zeitung vom Februar 2009), ist angetreten, um zu widersprechen. Jede Zeit habe ihre eigene Erinnerungskultur, was solle dieser Platz für die Zukunft bedeuten, worauf wolle er verweisen? Walter Rix lässt es sich nicht nehmen, die Antwort in einer langwierigen Rede schließlich selbst zu formulieren: Ernst Busch sei nie ein Demokrat gewesen, sondern bis zu seinem Tode stets Kommunist. Und kein Wort der Kritik am real existierenden Sozialismus wäre bei Busch zu finden. Im Gegenteil, mit Ehrungen habe man ihn in der DDR überhäuft. Für Walter Rix schon Anlass genug, ihn als Künstler zu diskreditieren. Busch sei wohl künstlerisch tätig gewesen, aber herausragend wirksam geworden eher nur im politischen Rahmen.

Das Publikum nimmt´s gelassen. Es wird getuschelt und gelächelt: die Rede wäre nur die Retourkutsche zur verlorenen Abstimmung der CDU, welche den Platz unbedingt verhindern wollte. Gewonnen aber haben heute sie, die Stadt und der Ernst Busch.

Schließlich die feierliche Enthüllung: Ulrich Busch, der Sohn von Ernst Busch, der Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig und der Ortsbeiratsvorsitzende Bruno Levtzow ziehen an einem Strang und geben die Sicht auf das neue Schild frei: "Ernst Busch, 1900-1980, Schauspieler und Sänger" prangt schließlich in weißer Schrift auf tonfarbenem Untergrund. Ein schönes Bild.

Ja, Busch ist kein gefälliges Objekt, das sich leicht abarbeiten lässt. Sein Jahrhundert, in das er sich hineingeboren sah, ist es auch nicht. Umbrüche, Aufbrüche, Kriege, Revolutionen und Niederlagen kennzeichnen es. Unter dem Titel "Dichtung und Wahrheit - Die Legendenbildung um Ernst Busch" können zum Abschluss Prof. Jürgen Elsner und Dr. Carola Schramm in der Kantine der Mobilcom Debitel berichten. Ernst Busch ist nicht zu überhören.

Ja, er war ohne jeden Zweifel ein kämpferischer Sozialist.

Danke und Respekt an Kiel!

Carola Schramm


Bild anzeigenUlrich Busch, der Sohn von Ernst Busch, mit dem Bild seines Vaters.

Foto: Schramm


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