unsere zeit - Zeitung der DKP29. Oktober 1999
Kubanische Metallgewerkschafter-Delegation zu Besuch

Kennenlernen eine Form der Solidarität

Ein Besuch kubanischer Gewerkschaftskollegen kommt zustande, weil die IG Metall Salzgitter und die Metallgewerkschaft von Havanna de Cuba das Wort Solidarität genauer buchstabieren. Dazu ist es gut, sich zu kennen, und die ausgesprochene Einladung wurde gerne angenommen.

Vom 8. bis 31. Juli 1999 waren das Stahlwerk Peine, verschiedene Verwaltungsstellen der IG Metall, das VW-Werk Wolfsburg, die IGM-Schule Sprockhövel sowie der IGM Hauptvorstand Ziele der weitgereisten Gäste. Meinungsaustausch, Besichtigungen und viele Gespräche mit Betriebsräten und Gewerkschaftern sorgten für ein abwechslungsreiches Programm in diesen vierzehn Tagen.

An der repräsentativen Delegation, die zunächst schwerpunktmäßig in Salzgitter weilte, nahmen u. a. das Vorstandsmitglied der Metallgewerkschaft Cuba, Ramón Cuéllar Beteta, der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung, José Lopez Ordaz, und der Vertrauensmann Rainaldo Martinez Hernandez teil. Die zuletzt genannten arbeiten beide im Stahlwerk "Antillana de Acero José Marti".

Deutsche und kubanische Stahlarbeiter im Erfahrungsaustausch

Am ersten Tag wurden die kubanischen Kollegen im Stahlwerk Peine der Salzgitter AG erwartet. Dieses Stahlwerk arbeitet auf Schrottbasis und stellt Langträger her. Das Stahlwerk "Antillana de Acero José Marti" in Havanna verarbeitet auch Schrott und formt daraus Baustahl, schnell füllen interessante Vergleiche die Gespräche unter Kollegen.

Ein Meinungsaustausch nach dem Betriebsrundgang im VW-Werk Salzgitter fand mit Betriebsrats- und Vertrauenskörperleitungs-Mitgliedern statt. Bei dieser Gelegenheit bewerteten die kubanischen Gäste die wirtschaftliche Situation Kubas in der "periodo especial" und die andauernde Embargopolitik der USA. Als Ausdruck der Solidarität wird ihnen anschließend von Betriebsrat und Vertrauenskörper eine Solidaritätsspende von 1 000 DM übergeben.

Erlebnisreiche Tage haben begonnen. Neben der IG-Metall-Verwaltungsstelle Salzgitter, haben sich Hannover, Hameln, Hildesheim, Wolfsburg und die IG-Metall-Verwaltungsstelle Friedrichshafen am Bodensee in vielfältiger Form auf ihre kubanischen Kollegen vorbereitet. Die Heimvolkshochschule in Hustedt bei Celle und die IG-Metall-Schule in Sprockhövel sind dabei, und ein Besuch beim IG Metall Hauptvorstand in Frankfurt darf nicht fehlen.


Die kubanische Delegation. Von links: Reinaldo Martinez Hernandez, Ramón Cuéllar Beteta und José Lopez Ordaz


Besuch der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen

Freizeithöhepunkt am Freitag- und Samstagabend waren zunächst das Sommerfest mit den Kolleginnen und Kollegen des Stahlwerkes Salzgitter im Freien am Salzgitter See. Tagsüber gab es weitere Erlebnisse besonderer Art, so die historischen Stadtrundgänge durch die nach großer Bombenkriegszerstörung wiederhergestellten und restaurierten Altstädte von Braunschweig, Hameln und Hildesheim. Beim anschließenden Bummeln gab es Möglichkeiten zum Einkauf.

Im Kontrast dazu der Besuch der zentralen niedersächsischen KZ- Gedenkstätte Bergen-Belsen. Bergen-Belsen war anfangs ein Lager für Kriegsgefangene und wurde später zum Konzentrationslager, in dem 30 000 bis 50 000 sowjetische Soldaten und 50 000 KZ-Häftlinge starben. Danach ein Besuch auf dem Friedhof Jammertal in Salzgitter, letzte Ruhestätte für KZ-Häftlinge, die in den "Hermann-Göring-Werken Salzgitter" (heute Stahlwerk Salzgitter AG) die unmenschliche Behandlung durch Arbeits- und Wohnbedingungen in der Rüstungsindustrie und schlechte Nahrung nicht überlebten, wie der erste Bevollmächtigte der IG Verwaltungsstelle Salzgitter, Kollege Werner Kubitza, die Gedenkstätte charakterisiert.

DKP-Brigadisten, Matanzas und die gemeinsamen Bekannten

Und dann eine gelungene Überraschung: Beim Mittagessen gibt es Gelegenheit zu einer Begegnung mit zwei Brigadisten der DKP-Soli-Brigaden "Che Guevara", beide sind Mitgliedern des Arbeitskreises Kuba-Solidarität beim Parteivorstand der DKP. Die gemeinsam mit kubanischen Bauarbeitern errichteten drei Gesundheitseinrichtungen in Matanzas sind schnell das Gesprächsthema. Matanzas und gemeinsame Bekannte und die "casa visita". "Dort wohnen wir auch, wenn wir in Matanzas sind", erzählen die kubanischen Kollegen. Begeistert von soviel Bekanntschaft werden schriftliche Grüße mitgenommen. Beeindruckt sind sie vom Umfang der Solidarität der DKP, vom politischen und materiellen Einsatz, der weit über die Mitgliederschaft hinaus erfolgt. Kraftvoll möchten die kubanischen Metaller die Revolution in Kuba weiterentwickeln, kein Stück darf preisgegeben werden, ist das Resümee unter Freunden.

Eine weitere Station im Programm war die Heimvolkshochschule Hustedt. Nach herzlicher Begrüßung durch den stellvertretenden Schulleiter, Dr. Dera, werden allgemeine Informationen über den Bereich gewerkschaftlicher Erwachsenenbildung gegeben. Hier sieht Dr. Dera eine mögliche Zusammenarbeit und schlägt Seminare vor, die gemeinsam von kubanischen und deutschen Kollegen gestaltet werden könnten.

US-Embargopolitik verhindert Handelsaustausch

An einem weiteren Tag findet eine Diskussionsrunde mit dem Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor der Salzgitter AG, Prof. Dr. Günter Geisler, statt. Ergebnis: Man will Ausbildungs- und Fortbildungsmaßnahmen für kubanische Kollegen durchführen. Damit das stattfinden kann, sollen hierüber entsprechende Gespräche mit der Direktion des Stahlwerkes "Antillana de Acero José Marti" geführt werden. Einen Handelsaustausch seitens der Salzgitter AG könne es aber nicht geben, solange das Embargo der USA bestehe, betonte in diesem Zusammenhang der Arbeitsdirektor Prof. Dr. Günter Geisler.

Ein nächstes Treffen mit Betriebsräten und Vertrauensleuten der Salzgitter AG im Ausbildungszentrum wurde zu einem regen Informationsaustausch. Gemeinsam wurde überlegt und diskutiert, wie Solidarität praktisch machbar ist. Mit dieser Frage beschäftigten sich im Gewerkschaftshaus auch die Kollegen von der IG-Metall-Ortsverwaltung Salzgitter, nachdem die kubanischen Metaller die Probleme ihres Landes verdeutlichten. Der 1. Bevollmächtigte, Kollege Werner Kubitza, äußerte großes Verständnis und das Versprechen, sich in Solidarität mit dem kubanischen Volk für die Realisierung der geäußerten Wünsche einzusetzen, natürlich auch gegenüber dem Vorstand der Salzgitter AG.

Veränderte Weltsituation erfordert neue Antworten

Auf dem Weg nach Wolfsburg zur IG Metall und den Betriebsräten des VW-Werkes diskutieren die kubanischen Kollegen noch über Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit bei der Salzgitter AG. Im VW-Stammwerk werden sie von dem Generalsekretär des Weltbetriebsrates von VW, dem Kollegen Hans-Jürgen Uhl, mit kräftigem Handschlag freundschaftlich begrüßt. Sehr schnell geht es in dem gemeinsamen Gespräch um die Praxis der deutschen Mitbestimmung, der konkreten Arbeit der Betriebsräte bei VW und um die deutschen und kubanischen Gewerkschaftsstrukturen, die sich nicht so einfach vergleichen lassen. Hans Jürgen Uhl betont dazu: "Auf der ganzen Welt müssen sich heute Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen." Seit Ende der Systemkonkurrenz zwischen Plan- und Marktwirtschaften hätten sich die Koordinaten grundsätzlich verändert. Die Liberalisierung des Welthandels und die globale Vernetzung durch moderne Produktions- und Kommunikationstechniken verlangten neue Antworten auf die rasant zunehmende Austauschbarkeit von Investitionsstandorten. Darum war es aus seiner Sicht dringend notwendig, frühzeitig einen Welt-Konzernbetriebsrat bei VW zu gründen. "Der Globalisierung des Konzerns stellen wir unsere internationale Solidarität gegenüber", erklärte er. Weiter versichert Kollege Uhl gegenüber dem kubanischen Vorstandsmitglied der Metallgewerkschaft, Ramón Cuéllar Beteta, daß ein Erfahrungsaustausch für beide Seiten von Nutzen sein kann. Durch Treffen, wie sie diese Delegation ermöglicht, könne man voneinander lernen und letztendlich solidarisch miteinander umgehen.


Die kubanischen Gäste mit dem Betriebsrat und der Vertrauenskörperleitung des Stahlwerks Salzgitter AG


Gespräch beim IG Metall Hauptvorstand

Auch der Ortsjugendausschuß der IG Metall Hannover suchte neue Wege zur internationalen Solidarität mit Kuba. Die in den Gesprächen vertieften Kenntnisse der Situation in Kuba war dabei hilfreich. Im Bildungszentrum Sprockhövel der IG Metall gab es am nächsten Tag ein Meeting mit ca. fünfzig Kolleginnen und Kollegen. Zum Abschluß einer inhaltlich starken Pro- und Kontra-Diskussion wurden den kubanischen Gästen 400 DM für die kubanische Gewerkschaftsarbeit aus einer spontanen Sammlung übergeben.

Am Tag vor ihrer Abreise nach Kuba erwartete sie in Frankfurt der Kollege Horst Schmitthenner, Vorstandsmitglied im Hauptvorstand der IG Metall. In einem offenen Austausch zu den vielfältigen Problemen wünschen sich die kubanischen Kollegen besonders seinen Einsatz für die Anerkennung der kubanischen Metallgewerkschaft im internationalen Metallgewerkschaftsverband.

Solidarität war der große Schwerpunkt dieser Besuchstage. In allen Treffen und Begegnungen wurde sie lebendig, politisch-inhaltlich und ganz direkt materiell, aber auch zukünftig erforderlich für so große Ziele wie z. B. die Mithilfe bei der Aufhebung der Embargopolitik der USA.

Manche Kollegin, mancher Kollege hier ist durch die Begegnungen in diesen vierzehn Tagen neugierig auf die schöne Insel geworden. Auf Havanna, auf die kubanischen Menschen, auf ein Wiedersehen. Pläne für einen Gegenbesuch werden bereits gemacht.

Ewald Maurer/Elfriede Haug


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